Verwahrlosung : Jugendämter nehmen häufiger Kinder in Obhut

Immer öfter werden Kinder aus ihren Familien herausgeholt. Fachleute sehen den Grund in einer höheren Aufmerksamkeit der Nachbarn und Angehörigen.

Susanne Vieth-Entus

In Berlins Problemkiezen steigt die Zahl der Kinder, die aus ihren Familien herausgenommen und in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht werden müssen. Dies belegen aktuelle Zahlen des Senats. Demnach gibt es in vielen Jugendämtern einen Anstieg um fünf bis zehn Prozent. Als Grund dafür nennen die Fachleute die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung; aufmerksame Bürger schalteten die Ämter jetzt vermehrt bei Verdacht auf Kindesvernachlässigung ein.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei offenbar die im Mai 2007 eingerichtete Hotline. Allein in Neukölln gab es seither rund 25 Prozent mehr Hinweise aus der Bevölkerung, die letztlich dazu führten, dass sieben Prozent mehr Kinder aus ihren Familien herausgenommen wurden. „Durch die Hotline wurde eine Grauzone beleuchtet“, kommentiert Neuköllns Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne) den Anstieg.

Ähnliche Beobachtungen machen auch ihre Kollegen. „Es gibt eine steigende Notwendigkeit, die Kinder herauszuholen“, sagt etwa der Jugendamtsdirektor von Friedrichshain-Kreuzberg, Thomas Harkenthal. Er beobachtet immer häufiger eine „totale Überforderung alleinerziehender Mütter“, die keinen familiären Hintergrund als Unterstützung hätten. Als weitere Ursachen nennt Vonnekold Drogenkonsum oder psychische Probleme der Eltern. Hinzu kämen dann noch etwa die Fälle, wo Mädchen aus ihren Familien wegwollten, da sie etwa Gewalt ausgesetzt seien oder ihnen die Zwangsverheiratung drohte.

Angesichts der großen Zahl von Anrufern bei der Hotline betont Vonnekold, dass es erstaunlich wenige Fälle gebe, in denen Menschen unbegründet oder gar „bösartig“ anriefen, um Nachbarn anzuschwärzen. Tatsächlich seien die meisten Anrufe gerechtfertigt. Nur so erkläre es sich auch, dass die anschließend eingeleiteten „Maßnahmen“ um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen seien.

In manchen Fällen werden die Behörden schon durch Beobachtungen der Hebammen aufmerksam, die schnell merken, wenn Mütter überfordert sind. Gerade erst hatte es das Neuköllner Jugendamt mit einer Mutter zu tun, die psychische Probleme hatte. Ihr gerade geborenes Baby wurde zeitweise in eine Pflegefamilie gegeben, jetzt musste es auf Druck des Familiengerichtes aber der Mutter zurückgegeben werden. Stadträtin Vonnekold kann mit der Entscheidung des Gerichts leben, weil sich die Situation der Mutter stabilisiert habe. Sie wies allerdings die vor Gericht geäußerte Behauptung zurück, wonach das Jugendamt gar nicht persönlich mit der Mutter gesprochen habe. Es seien wohl einige Missverständnisse aufgetreten, weil die Vertreterin des Jugendamtes nicht beim Gerichtstermin anwesend sein konnte. Offenbar war über die Weihnachtstage der Gerichtstermin nicht rechtzeitig weitergeleitet worden.

Auch andere Bezirke beobachten einen Anstieg der Fälle, bei denen Kinder aus ihren Familien herausgenommen werden müssen. So sind in Marzahn-Hellersdorf aus 620 im Jahr 2006 inzwischen 670 Fälle (2007) geworden. In Reinickendorf stieg die Zahl im selben Zeitraum von 350 auf 410.

Allerdings waren die Zahlen der Inobhutnahmen in Berlin schon einmal höher: Im Jahr 2002 waren berlinweit 9479 Kinder in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht, im September 2007 waren es noch 8195. Ob bei diesem Rückgang die Sparzwänge bei den Hilfen zur Erziehung eine Rolle gespielt haben oder andere Gründe, war gestern mit der Senatsjugendverwaltung nicht zu klären. Deren Sprecher Kenneth Frisse geht auf jeden Fall wie Vonnekold davon aus, dass die Sensibilisierung der Bevölkerung beim aktuellen Anstieg eine Rolle spielt.

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