Wahlkampf : Kontroverser Körpereinsatz

Je eingegrenzter ein Wahlkreis ist, umso treffsicherer kann Werbung sein: Ungewöhnliche Plakatmotive haben eine Diskussion über den angemessenen Stil im Wahlkampf ausgelöst. Ein Pro & Contra

Sabine Beikler
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Voller Körpereinsatz. Das umstrittene Plakat der Kreuzberg-Friedrichshainer CDU-Direktkandidatin Vera Lengsfeld. -Foto: CDU

Seine Haut machte ihn bundesweit bekannt: Nackt und mit Vollbart, die Hände vors Gemächt gelegt, posierte 1994 der Berliner SPD-Jugendsenator Thomas Krüger auf seinem Wahlplakat für den Bundestag. Als „ehrliche Haut“ warb der damals 35-Jährige für sich. So wie aktuell Vera Lengsfeld, die CDU-Kandidatin in Friedrichshain-Kreuzberg, erregte Krüger mit der FKK-Pose die Gemüter. Ein Schwulenmagazin urteilte damals, das Foto sei „künstlerisch schön, streng hetero und überhaupt nicht erotisch“. Gar nicht manierlich fand dagegen der Regierende Bürgermeister und CDU-Landeschef Eberhard Diepgen die Werbung seines damaligen Senatskollegen und wetterte im Senat: „Es gibt hier Leute, die unbedingt Hinterbänkler im Deutschen Bundestag werden wollen.“

Krüger schaffte es über die SPD-Landesliste in den Bundestag, den früheren Wahlkreis Friedrichshain/Lichtenberg gewann er mit dem Plakat aber nicht. Dafür fand das Aktfoto reißenden Absatz. 2000 Stück wurden gedruckt, für 20 Mark konnte man sich einen nackten Senator ins Wohnzimmer hängen.

Die einstige DDR-Bürgerrechtlerin Lengsfeld ist seit vergangener Woche üppig dekolletiert auf ihrem Plakat neben Angela Merkel zu sehen, ähnlich tief ausgeschnitten wie die Bundeskanzlerin in dem Abendkleid, das sie bei der Eröffnung der Osloer Oper im April 2008 trug. Unter den Damen prangt die Textzeile „Wir haben mehr zu bieten“. Abgestimmt war das mit der Parteizentrale nicht, aber das nimmt Lengsfeld gelassen hin. Als Kandidatin in einem Wahlkreis, wo die Union 2005 magere elf Prozent erlangte, brauche sie Aufmerksamkeit, sagt sie. Ihre Parteifreundin Maria Böhmer, Vorsitzende der Frauen-Union, zürnt darüber: „Wir setzen auf Inhalte, nicht auf Effekthascherei.“

750 Wahlplakate wurden von den „Busenfreundinnen“ Merkel-Lengsfeld geklebt, bei Ebay ersteigerte ein Fan eines der offenherzigen Plakate für 46 Euro. Mit körperlichem Einsatz geht auch die Kandidatin der Linken, Halina Wawzyniak, in den Friedrichshain-Kreuzberger Wahlkampf. Sie hat ihren Po samt Jeans und entblößter Rückenansicht mit der abwaschbaren Tätowierung „socialist“ ablichten lassen. Darunter der Wahlspruch: „Mit Arsch in der Hose in den Bundestag“.

Anstößig sei so eine Werbung nicht, sagt Alexander Schimansky, Professor für Marketing an der International School of Management in Dortmund. „Solange es eindeutig nicht Erotik ist.“ Je eingegrenzter ein Wahlkreis ist, umso treffsicherer kann Werbung sein. Bei Lengsfeld und Wawzyniak käme der „Kreuzberger Stil“ durch, „der Mythos des Trashigen, Revolutionären, Unangepassten“, sagt Schimansky. In einem Wahlbezirk, der für Lässigkeit steht, sei nackte Haut erlaubt. Mit einem „Zweireiher“ auf Plakaten dagegen könne man dort kaum punkten.

Ganz anders ist der Umgang mit Werbung für eine breitere Wählerschicht. „Je mehr Menschen ich ansprechen will, desto abstrakter, plakativer, weniger polarisierend müssen die Werbeslogans sein“, sagt der Marketing-Experte. Mehr oder weniger „inhaltsleere Aussagen“ wie „Wir können vorwärts blicken“ würden eine große Projektionsfläche bieten.

Gewählt werden aber immer Personen und Inhalte: Mit einem aussichtsreichen Spruch und einer Person auf einem Plakat könne man Wähler gewinnen, sagt Schimansky. Lengsfeld habe einen populären Partner, nämlich die Kanzlerin an ihrer Seite. Bei der Kandidatin der Linken ist er dagegen skeptischer: Wawzyniak solle sich auch von vorne zeigen. Man wähle „immerhin Gesichter und keine Hintern“ .

Das haben inzwischen auch die nordrhein-westfälischen Grünen erkannt: Nach öffentlicher Kritik zogen sie vergangene Woche ein umstrittenes Wahlplakat in Kaarst aus dem Verkehr, das zwei weiße Hände auf einem schwarzen Frauenhintern zeigt. Der Slogan dazu lautete: „Der einzige Grund, Schwarz zu wählen.“ Wegen des Plakats hatten unter anderem die Linken den Grünen Sexismus vorgeworfen. In Nordrhein-Westfalen sind am 30. August Kommunalwahlen. Nun ruderten die Grünen zurück: Bei dem Motiv habe man sich „vergriffen“, wenn sich Menschen durch das Bild verletzt oder diskriminiert fühlten, „nehmen wir das sehr ernst“. In Berlin ist von derartigen Protesten bislang nichts bekannt.

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