Landespolitik : Zu viel heiße Luft

Klimaschutz gegen Freiluftvergnügen: Grüne wollen Heizpilze verbieten lassen

Stefan Jacobs

Das Nichtraucherschutzgesetz ist noch nicht in Kraft getreten – und zeigt schon die erste Nebenwirkung: Weil viele Gastwirte es ihren rauchenden Gästen möglichst gemütlich machen wollen, schaffen sie Wärmestrahler für draußen an. Aber: Die „Heizpilze“ genannten Propangasbrenner sind Giftpilze fürs Klima, weil sie pro Stunde bis zu 3,5 Kilogramm Kohlendioxid (CO2) in die Luft blasen. Das entspricht etwa der Ökobilanz von 25 Kilometer Autofahrt und summiert sich nach einer Berechnung der Grünen pro Jahr allein in Berlin auf etwa 20 000 Tonnen CO2, das mitsamt der flüchtigen Wärme in die Luft geblasen wird. Die Fraktion hat deshalb einen Antrag ins Abgeordnetenhaus eingebracht, die Energiefresser zu verbieten.

Nach Lage der Dinge ist das Vorhaben aber zum Scheitern verurteilt: Bereits im Frühjahr hatte die Umweltverwaltung ein solches Verbot erwogen. Vergeblich, wie es aus dem Haus von Senatorin Katrin Lompscher (Linke) heißt: „Damals dachten wir, das ließe sich über eine Änderung im Straßengesetz regeln.“ Aber die Prüfung habe ergeben, dass Klimaschutz kein gerichtsfestes Argument sei.

Die sauerländische Enders Colsman AG, bundesweiter Heizpilz-Platzhirsch, berichtet derweil von 20 Prozent Umsatzplus, und Händler wissen von verstärkter Nachfrage aus jenen Bundesländern, in denen die neuen Regeln zum Nichtraucherschutz schon gelten. In Berlin sagt Fachhändler Michael Schulz: „Wir stocken die Lagerhaltung auf.“ Seine Firma hat sich den Begriff „Heizpilz“ vor Jahren schützen lassen. Der Berliner Tourismus-Boom sei auch auf den Umstand zurückzuführen, „dass die Leute hier dank der Heizpilze die Nacht zum Tag machen können“, bemerkt Schulz. Das sichere seinen und viele andere Jobs, und die Klimabilanz der Geräte sei nur dann so schlecht, wenn sie voll aufgedreht würden.

Maximal 14 Kilowatt leistet ein gängiger Terrassenstrahler. Diese Leistung „würde für die Beheizung eines Einfamilienhauses ausreichen“, wie Lothar Gröschel sagt. Der Mitinhaber einer auf Energieeffizienz spezialisierten Agentur ist Akteur bei der Anfang 2007 gestarteten Initiative „Prost Klima“. Sie begann damit, dass ein Kreuzberger Gastronom seine Heizpilze symbolisch einmottete und durch Decken ersetzte. Zuvor hatte Gröschel ihm vorgerechnet, wie viel er draufzahlte, wenn er drinnen den leeren Gastraum heizte, während sich draußen die Gäste stundenlang an ihrer Kaffeetasse festhielten. Inzwischen hat „Prost Klima“ rund ein Dutzend Beteiligte – und Gröschel redet tapfer gegen das Argument der „Gemütlichkeit“ an.

Je nach Schätzung stehen zwischen 3000 und 5000 der Strahler vor Berliner Restaurants. Und neuerdings nicht mehr nur dort, weil zunehmend Baumärkte die Luftheizer an Privatleute verkaufen. Heizpilz-Schulz berichtet auch von wachsender Nachfrage nach Mietpilzen für Partys von Filmleuten und Landesvertretungen. Dann kramt er noch eine Rechnung hervor, die die Gegner frösteln lassen soll: Sechs Heizpilze, gemietet am 1. September 2006 für eine Party am Postbahnhof. Von den Bündnisgrünen.

Nach Beobachtung des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) sind die Heizpilze in Berlin besonders gefragt, weil hier mehr als anderswo draußen gesessen werde. Der Berliner Dehoga-Vizepräsident Klaus-Dieter Richter findet die Geräte persönlich zwar ebenfalls „sehr fragwürdig“ – und hat in seinem Restaurant in Spandau keine –, aber ein Verbot kommt für ihn nur infrage, wenn es für Gastronomen und Privatleute gleichermaßen gilt. Auf absehbare Zeit werden die lauwarmen Schwaden also ungestraft durch die Stadt wehen. Technische Neuheiten wie Hybrid- oder Solarpilze sind nicht in Sicht. Stefan Jacobs

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