Berlin : Landowsky geht, Steffel kommt: Die neue Lokomotive der CDU-Fraktion

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hat einen neuen Vorsitzenden. Nach dem Rücktritt von Klaus Landowsky wählten die CDU-Abgeordneten den 35-jährigen Unternehmer Frank Steffel gestern in einer Sondersitzung mit großer Mehrheit zu ihrem Fraktionschef. Steffel erhielt 80,9 Prozent der Stimmen. Erster Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union wurde, mit 84,8 Prozent Ja-Stimmen, der Haushaltsexperte Alexander Kaczmarek.

Bei einem anschließenden Empfang sprach der Regierende Bürgermeister und CDU-Landesvorsitzende Eberhard Diepgen von einer "guten Ausgangsposition" für die nächste Zeit. "Ich setze viel Vertrauen in Frank Steffel." Der politische Gegner müsse sich warm anziehen. Diepgen bedankte sich sehr bei Landowsky, der wegen der CDU-Parteispenden- und Bankenaffäre zurücktreten musste. Er habe die Fraktion zusammengehalten und "dem Senat und mir in schwierigen Zeiten den Rücken frei gehalten; mit großem Engagement und in freundschaftlicher Verbundenheit."

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Die Landowsky-Affäre Landowsky, der die CDU-Fraktion seit Beginn der Großen Koalition 1991 führte, übergab seinem Nachfolger Steffel unter stürmischem Beifall der Abgeordneten und Gäste einen Staffelstab, auf dem das Datum "15. Mai 2001" eingeprägt war. Als Beigabe erhielt der neue Hoffnungsträger der Union das Buch "Handorakel und Kunst der Weltklugheit" von Balthasar Gracian. Triumphierend hielten beide gemeinsam den Stab in die Höhe. Steffel revanchierte sich nach seiner Rede mit einem Geschenk der CDU-Fraktion an Landowsky mit Seltenheitswert: Ein Stück aus dem Brandenburger Tor. Eines von mehreren, die nicht mehr benötigt werden und zur Versteigerung anstehen.

Auch Steffel dankte Landowsky herzlich für die elf Jahre an der Fraktionsspitze. "Er hat Maßstäbe gesetzt." Der neue Mann fügte aber hinzu: "Meine Generation hat sich von den alten ideologischen Grabenkämpfen entfernt. Wir halten weniger von den Ritualen der Macht als vom Wettbewerb des Machbaren." Steffel versprach Diepgen, dass die CDU-Fraktion auch in Zukunft geschlossen hinter ihm stehen werde. Er freue sich mächtig über das gute Wahlergebnis und die gute Stimmung in der Fraktion und sei außerordentlich optimistisch. "Wir Jüngeren steigen jetzt in den Zug, für den die Älteren die Gleise gebaut haben." Die Kraft stecke aber in der Lokomotive, nicht im Speise- oder gar im Schlafwagen.

Die Sondersitzung der CDU-Fraktion war nach einer knappen dreiviertel Stunde vorbei. Es gab nichts Neues mehr zu sagen und der Empfang im Festsaal des Abgeordnetenhauses geriet zum Familienfest der Union. Steffel und Kaczmarek brachten Ehefrauen, Kinder und Eltern mit. Sogar Heinrich Lummer, der 1969 für einige Jahre Fraktionschef wurde, schaute auf eine halbe Stunde vorbei. Die Opposition ging weniger familiär-freundschaftlich mit dem neuen CDU-Fraktionsvorsitzenden um. Steffel sei "jung an Jahren, aber alt im Denken", erklärtendie Grünen. Wenn die Christdemokraten meinten, mit dem Wechsel der Fraktionsführung sei die Spenden- und Bankenaffäre beendet, täusche sie sich. Die PDS sprach von "einem neuen Gesicht, aber keiner neuen Politik" der Union. Das politische Credo Steffels scheine darin zu bestehen, Landowsky zu imitieren, statt sich von ihm zu emanzipieren. Der SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit ist "zufrieden, dass die Handlungsfähigkeit der CDU wiederhergestellt wird." In den letzten Wochen sei es für ihn schwer gewesen, einen adäquaten Ansprechpartner zu finden. Wowereit ist zuversichtlich, "eine gute Basis für die Zusammenarbeit mit Steffel zu haben."

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