Landwehrkanal : Kreuzberger Kämpfe sind lang

Die Bezirksfusion hat den Kreuzbergern die Autonomie genommen, nicht aber die Identität. Nun wird am Landwehrkanal jeder Baum einzeln geprüft.

M. Oloew,K. Kuprjuweit
Landwehrkanal
Zankapfel: Die Bäume am Ufer des Landwehrkanals in Kreuzberg. -Foto: ddp

Solche Szenen ist er offenbar nicht gewöhnt. Kaum hat Hartmut Brockelmann das Mikrofon in der Hand, wird er auch schon von lauten Zwischenrufen unterbrochen. „So etwas können Sie mit uns Kreuzbergern nicht machen!“ schallt es von der Besuchertribüne im Rathaus Kreuzberg, und: „Lügner!“ – es ist noch eine der harmloseren Beschimpfungen. Brockelmann, Chef des Berliner Wasser- und Schifffahrtsamtes, sieht müde aus, als er das Mikrofon sinken lässt. Kaum einen Satz hat er auf der Informationsveranstaltung zu Ende bringen können. Es geht einmal mehr um die Pläne der Behörde, Bäume am Landwehrkanal zu fällen, damit die Ufer der maroden Anlage sicherer werden.

Das war am Sonnabend. Von den Gegenwehr und der Entschlossenheit der Baumschützer und Anwohner ist Brockelmann und das Amt sichtlich überrascht. Ihren Dienstsitz hat die Behörde zwar auch in Kreuzberg – nahe dem Platz der Luftbrücke am Mehringdamm – aber einen Schritt in einer der sie umgebenen Kneipen, zum Beispiel in der nahen Bergmannstraße, oder – noch besser – im Graefe-Kiez, um mitzukriegen, in welchem Umfeld sie da tagtäglich arbeiten, haben weder Brockelmann noch seine Untergeben offenbar je getan. Sonst hätten sie mitbekommen: So einfach lassen sich Kreuzberger keine Bäume vor der Nase absägen. Am Montag nach der aufrührerischen Veranstaltung im Rathaus Kreuzberg ist Brockelmann jedenfalls nicht zu sprechen. Auch sonst ist das Wasser- und Schifffahrtsamt extrem wortkarg. Auskünfte: keine.

Es ist genau dieses Verhalten der Behörde, dass die Kreuzberger zusammenschweißt. Unterstützung gibt es inzwischen reichlich. Von den Grünen sowieso, aber auch von der SPD. Selbst Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer hat das Wasser- und Schifffahrtsamt aufgefordert, bei jedem Baum genau zu prüfen, ob es auch eine andere Möglichkeit gibt, um die Sicherheit zu gewährleisten – etwa durch den Einbau von Spundwänden. Dies müsse schnell geklärt werden, denn die Sperrung des Kanals sei auf Dauer unerträglich, sagte Junge-Reyer im Stadtentwicklungsausschuss. Da dort kein Vertreter des Amtes erschienen war, wollen die Abgeordneten ihre Fragen jetzt schriftlich an den für die Behörde zuständigen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) richten. Dem Amt warfen sie vor, den Zustand des Kanals jahrelang nicht ausreichend kontrolliert zu haben.

Die Kreuzberger glauben, Oberwasser zu haben. Man hat ihnen im Rahmen des Bezirksfusion ihre verwaltungsmäßige Autonomie genommen, nicht aber ihre Identität. Und die knüpft sich rund um den Landwehrkanal sehr stark an die alten Bäume. Bezirksbürgermeister Franz Schulz sieht darin durchaus etwas Kreuzberg-typisches: „Die Menschen identifizieren sich in hohem Maße mit ihrem Umfeld und sind bereit sich vehement dafür einzusetzen.“ So sieht es auch Arno Paulus, der sich selber als das „Frontschwein der Bürgerinitiative“ bezeichnet: „Die Energie, die die Liebe zu den Bäumen freigesetzt hat, die Arbeiter, wie Architekten und Ärzte zusammengebracht hat, ist mir zutiefst sympathisch.“ Viel Romantik ist bei dieser Sichtweise sicherlich dabei. Aber was soll’s.

Am Montag sind Vertreter der Bürgerninitiative, von Baumschutzexperten und Gutachtern unterwegs, um jeden einzelnen Baum zu prüfen und zu erörtern, welche andere Möglichkeit es gibt, als ihn abzuholzen. Da die Behörde aber parallel weiter daran festhält, bei Gefahr in Verzug sofort einzugreifen und die Säge anzusetzen, bleiben die Mitglieder der Bürgerinitiative alarmiert und wollen notfalls in die Baumkronen klettern, um das Abholzen zu verhindern.

Auch politisch wird jetzt genau hingeschaut. Christian Ströbele hat mit anderen Grünen-Abgeordneten eine Anfrage in den Bundestag eingebracht. Eventuell wird es noch eine dringliche Frage in der Sitzung am morgigen Mittwoch geben. Vordergründig geht es um die Bäume am Landwehrkanal, darüber hinaus aber um die Behörde als Ganzes. Seit Jahren kritisiert der Bundesrechnungshof den Apparat: zu aufgeblasen, nicht kostenbewusst. Das liege, sagen Kritiker, nicht nur die Zahl der Beschäftigten – allein die Berliner Behörde zählt 538 Mitarbeiter – sondern auch an ihren Neubauprojekten. Sie seien überdimensioniert, wie zum Beispiel der Ausbau von Spree und Havel als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass mit der Fällaktion am Landwehrkanal auch viel behördliches Unterholz gelichtet wird. Und damit hätten die Kreuzberger einmal mehr etwas erreicht, was über ihre ureigenen Interessen hinausgeht.

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