Berlin : Lange Buchnacht: Begeisterung auf allen Seiten

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Kreuzberg. Kaum ein Durchkommen war am Samstagabend auf den Bürgersteigen der Kreuzberger Oranienstraße. Tausende von Bücherwürmern zogen mit dem schwarz-gelben Programmheft in der Hand zwischen den 25 Veranstaltungsorten hin und her. „Und wohin jetzt?“ lautete die immer wieder gestellte Frage. „Dies ist ein ständiges Kommen und Gehen von einer der über 50 Veranstaltungen zur anderen“, sagt Mitveranstalterin Stefanie Hetze vom Buchladen Dante Connection. Sie gehört zu den Initiatoren der „Langen Buchnacht“, die Buchläden, Verlage, Druckereien und Bibliotheken rund um die Oranienstraße gemeinsam seit 1998 veranstalten.

Einen Höhepunkt der Buchnacht, die Lesung mit Steffen Kopetzky, moderierte Jürgen Kuttner im SO 36. Vor mehreren hundert Zuhörern las der „gerade von einer Lesereise aus der Provinz zurückgekehrte und nun wieder voller Hoffnung die Großstadt betretende“ Schriftsteller aus seinem Erfolgsroman „Grand Tour oder die Nacht der großen Complication“. In dem 760 Seiten dicken Werk schildert er die Erlebnisse eines Schlafwagenschaffners auf den Eisenbahnstrecken Europas. Wie bei einem Konzert forderte das Publikum „Zugabe“, die Kopetzky bis zur sichtbaren Erschöpfung auch gab.

Bereits am frühen Abend konnte man sein „literarisches Lustwandeln“ am Kottbusser Tor beginnen. In einem überraschend großen Veranstaltungsraum im Keller der türkischen Regenbogen-Buchhandlung erzählte Emine Sevgi Özdamar von ihren Erlebnissen als junge türkische Arbeiterin 1966 in Berlin, die sie in ihrem Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ aufgeschrieben hat. Wer Hunger hatte, dem boten die „Sisters in Crime“ im Restaurant Max und Moritz „Tödliche Happen zum Abend“. Gut hundert Zuschauer drängten sich zur „nahrhaften“ Krimikost.

Weit weniger gefüllt war die architektonisch eher an Italien erinnernde St. Jacobi-Kirche. Dort stellten Kirchenmitglieder die Bibel als „Krimi, Liebesgedicht, Sprichwortsammlung und Heldengeschichte“ vor. Letztes Jahr war die Kirche bei einer Lesung von Wladimir Kaminer aus „Russendisko“ noch völlig überfüllt gewesen. Aber nicht nur den großen Literaten wurde gelauscht. Wer Lust hatte, eigene Texte vorzutragen, konnte den ganzen Abend über im Familiengarten „Lesen bis der Arzt kommt“. Christoph Villinger

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