Berlin : Lange Haare, lange her

Berlin und die Bundeswehr – das ist eine fast normale Beziehung. Bis zum Mauerfall war das anders

Marc Neller

Früher war alles anders. Manchmal stimmt das ja, zum Beispiel wenn es um Berlin geht und die Bundeswehr. Da kamen in den 70er Jahren zehntausende junge Menschen aus rheinischen oder schwäbischen Kleinstädten nach Berlin – des Wehrdienstes wegen. Beziehungsweise um ihn zu vermeiden. Dieses Argument aber gilt nicht mehr: Denn Berlin ist nicht mehr geteilt und seit der Wiedervereinigung keine bundeswehrfreie Zone mehr.

Im Gegenteil. Wenn die Bundeswehr am Mittwoch auf der Reichstagswiese mit einem großen Zapfenstreich ihr 50-jähriges Bestehen begeht, so spiegelt das inzwischen Normalität wider. Der Bundeswehr-Standort Berlin ist einer der größten bundesweit: Rund 6000 Bundeswehrangehörige arbeiten hier in über 50 Dienststellen. Der oberste Dienstherr, der Bundesverteidigungsminister, hat seinen Amtssitz in der Stadt. In Berlin steht das größte Kreiswehrersatzamt der Republik und das „Zentrum für Nachwuchsgewinnung“. Ihre Pressearbeit erledigt die Armee von Berlin aus. Das alles passt zum oft genug reklamierten Hauptstadtstatus. Und zur langen, wechselvollen Geschichte Berlins als Garnisonsstadt, an die zahlreiche Straßenschilder erinnern.

Was einem heute als völlig normal erscheint, war für einen 68er undenkbar. Zu Tausenden zogen junge Männer mit langen Haaren, mindestens aber mit langhaariger Gesinnung, nach West-Berlin. Man kann sagen, die Pazifisten aller Bundesländer haben sich im Westteil der Stadt vereinigt. Gerne in Kreuzberger oder Tempelhofer Kommunen. Weil sie ein WG-Leben mit basisdemokratischen Regeln dem Befehlston in der Kaserne vorzogen.

Im Ostteil der Stadt lief es mit dem Wehrdienst ein wenig anders. Dort war zu Zeiten der deutschen Teilung die NVA stationiert, obwohl das völkerrechtswidrig war. Die Dinge haben sich nach dem Kalten Krieg grundlegend geändert: Die NVA ist mit ihren 90000 Soldaten und 48000 Zivilen längst in der Bundeswehr aufgegangen. Im Oktober 1990, um genau zu sein, als der Einigungsvertrag in Kraft trat. Der Berliner Bundeswehr-Ableger, das Standortkommando Berlin/VBK 100, zog in die Kaserne der ehemaligen NVA in Treptow. Die Wiedervereinigung der Armeen ging nicht ohne Reibereien über die Bühne. Zum Beispiel wurden in den ersten gemeinsamen Jahren rund 1500 NVA-Soldaten fristlos entlassen, weil sie falsche und unvollständige Angaben über ihre Kontakte zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit machten. Das sei heute vergessen, heißt es in der Bundeswehrpressestelle.

Fast schon wieder vergessen ist jedenfalls, wie sehr sich Berlin in den Neunzigerjahren als Garnison verändert hat: Ende August 1994 zogen die letzten russischen Soldaten aus Berlin ab, wenig später die Streitkräfte der Westalliierten. Der Deutsche Bundestag beschloss 1991 die Verlegung von Parlament und Bundesregierung nach Berlin. Die Folge: Der Umfang der Truppenteile und Dienststellen wuchs auf ein Vielfaches.

Die Luftwaffe verlegte ein Divisionskommando nach Berlin. Führungs- und Fernmeldesoldaten kamen in die Stadt. Ebenso eine Teileinheit der Marine. Durch den Regierungsumzug 1999 folgten weitere Einheiten des Wachbataillons, Feldjägerbataillons. Mit dem Hauptstadtstatus sind zahlreiche protokollarische Aufgaben verbunden: der Ehrendienst zum Beispiel. Heute salutieren Soldaten des Wachbataillons, wenn der Bundespräsident ausländische Staatsgäste empfängt, auch Feldjäger eskortieren den Besuch durch die Straßen der Stadt.

Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Es ist nicht wie in der Kaiserzeit. Deutschland wird jetzt am Hindukusch verteidigt. Und Berlin ist nicht das militärische Führungszentrum Deutschlands. Das hiesige Standortkommando untersteht dem Wehrbereichskommando III. Und das sitzt in Erfurt, Thüringen.

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