Berlin : Lange Kirchen-Nacht: Nachtwanderung zwischen den Konfessionen

Jörg-Peter Rau

Die zwei Szenen könnten kaum unterschiedlicher sein. Dort ein strahlender, händeschüttelnder Bischof in der Abendsonne vor dem Dom in Mitte, hier eine kleine Gruppe von Menschen, die in Charlottenburg-Nord durch den Regen gehen, ohne viel zu sagen. Dort der medienwirksame Handschlag zwischen dem evangelischen Landesbischof Wolfgang Huber und Kardinal Georg Sterzinsky, hier eine Karmeliter-Schwester, die in einem evangelischen Gemeindehaus Plötzensee eine Kerze auf den Altar stellt und um Frieden in Israel betet.

Auftakt in Mitte: Kurz nach sieben Uhr sind es noch zwei Gruppen, die sich auf den Weg zur Nikolaikirche machen. Aus St. Hedwig kommen die Katholiken, vom Dom die Protestanten herüber. So scheint es, aber so mancher Gast beim Auftakt zur Nacht der offenen Kirchen hat schon zu Beginn die Idee der Nacht aufgenommen und ist eben nicht in die "eigene" Kirche gegangen. Und so kommt Kardinal Sterzinsky auch nicht allein an der Spitze seiner Prozession, sondern gemeinsam mit Geistlichen verschiedener orthodoxer Kirchen.

Von den Gemeinsamkeiten ist dann auch in St. Nikolai die Rede. Nach dem Treffen der Gruppen, beziehungsschwer am Staatsratsgebäude, zieht die nun stattliche Prozession in das vormalige Gotteshaus. "Da fehlt nur noch eine Fahne", sagt Wolfgang Huber halb im Spaß. Und halb im Ernst: Auch ums Flaggezeigen geht es an diesem Abend. Huber, Dietmar Lütz von den Freikirchen und Sterzinsky sprechen ebenso je eine Fürbitte wie der russisch-orthodoxe Erzpriester Mihail Diwakow und Priester Hanna Haikal von der griechisch-orthodoxen Gemeinde - und viel Demut schwingt mit.

Überhaupt nicht stolz, sondern eher beklemmend ist es auch in Charlottenburg-Nord, wo zwei evangelische und ein katholisches Gotteshaus an die Hinrichtung von Widerstandskämpfern im nahe gelegenen Gefängnis Plötzensee erinnern. Nur wenige Neue lernen dort eine in Berlin wohl einmalige Kunstlandschaft mit drei Kirchen und einem gemeinsamen Bildprogramm kennen. Von der weiß getünchten Mauer der Sühne-Christi-Kirche geht eine drückende Stimmung aus, die sich über die Kirche Maria Regina Martyrum zum evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee breitet und die ökumenische Nachtwanderung durch den kalten Regen zum Büßergang werden lässt. Alle müssen Gottes Vorhaltung an Kain wahrnehmen, die in die Kirche in der Toeplerstraße eintreten: "Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde." Der evangelische Pfarrer von Sühne Christi, Carsten Bolz, und sein katholischer Kollege Hans-Georg Lachmund, Seelsorger der Maria-Mutter-der-Martyrer-Kirche führen eine schweigsame Gruppe an.

Den nächsten Stopp macht sie auf dem Hof vor der Marienkirche. Lachmund erklärt, der leere Platz erinnere an die Appellhöfe der Konzentrationslager. Noch stiller steigt die Gruppe die 33 Treppenstufen zur Kirche hinauf, wird mit einem riesigen Altarbild konfrontiert. Das Gemälde umfasst die ganze Ostwand, hinter der der Plötzensee liegt. Schwester Maria Theresia Smith, Priorin der 15 Karmeliterinnen, die seit 1984 im benachbarten Kloster leben, erklärt das Bild vom Georg Meistermann in ruhigen, klaren Worten. In der Unterkirche weist Lachmann auf eine Pietà-Skulptur von Fritz Koenig, die an die Fotos von ausgemergelten KZ-Häftlingen erinnert. An die Widerstandskämpfer gemahnt eine Platte - und an Bernhard Lichtenberg, der von den Nazis umgebrachte Propst der Hedwigskathedrale. Er soll an diesem Abend, fast zur gleichen Zeit, auch in Kreuzberg ein Thema sein: In St. Johannes wird im Rahmen der Kirchen-Nacht ein Singspiel über den aufrechten Pfarrer aufgeführt.

Die Gemeinde zieht weiter in das Gemeindezentrum, die jüngste der drei zwischen 1963 und 1970 geweihten Kirchen. Pfarrer Bolz erklärt den "Plötzenseer Totentanz" von Alfred Hrdlicka, jene 16 Tafeln, in denen sich der Eisenträger, die Haken und die Doppelfenster der Hinrichtungsstätte immer wiederfinden. Schwere Kost am späten Abend, und die anschließende Orgel- und Oboenmusik zwingt in unbequeme Gedanken, die erst in den Bittgebeten und im Vaterunser kurz vor Mitternacht eine Zäsur finden. Die Besucher der Gartenstadt-Kirche in Staaken werden ihren Heimweg nach der Verkostung von Messweinen fröhlicher angetreten haben.

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