Lange Nacht der Museen : Kunst zur Geisterstunde

Antike Schönheiten, DDR-Motorräder, Poetry Slams und Picknick – die Lange Nacht der Museen erfindet sich immer wieder neu.

Christiane Meixner
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Die Temporäre Kunsthalle ist zum ersten Mal dabei und zeigt eine Ausstellung. Außerdem lockt der »White Cube« mit Restaurant und...Foto: promo

So langsam müsste man sie alle kennen. Das Alte Museum, die Akademie der Künste und sogar das Medizinhistorische Museum der Charité, das sich diskret auf dem Campus des Krankenhauses versteckt und dennoch dank seiner bizarren Präparate in jeder Langen Nacht ein Renner ist. Zwei Dutzend Mal haben Berlins Kulturmagneten nun schon bis tief in die Nacht ihre Türen geöffnet – was also bitte soll die 25. Lange Nacht der Museen an Überraschungen noch bieten können?

Einiges, das macht allein das Motto für den morgigen Sonnabend klar. „Museumslandschaft im Wandel“ heißt es in diesem Jubiläumsjahr. Dazu gehört nicht nur die imposante Teilnehmerzahl von rund hundert Häusern, die den Museumsläufer wieder einmal zu konzentrierten Entscheidungen zwingt. Der aktuelle Titel soll auch sichtbar machen, wie sehr die Berliner Kultur in Bewegung ist.

Das gilt naturgemäß vor allem für die zeitgenössische Szene, in der die Uhren immer schneller ticken als in den bedächtigen Museen. Bestes Beispiel ist die Temporäre Kunsthalle am Schlossplatz. Als Debütant der Langen Nacht zeigt sie ihre aktuelle Ausstellung des Künstlerduos Allora & Calzadilla über die ehemals benachbarte Ruine des Palastes der Republik. Bis vier Uhr morgens können die Immerwachen darüber hinaus auf der Sommerterrasse und im Restaurant des Hauses die Nacht ausklingen lassen.

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist allerdings auch für die großen Kulturinstitutionen die Zeit für eine Bilanz gekommen. Viele können nun öffentlich rekapitulieren, was sich seit der Wiedervereinigung in ihren Sammlungen getan hat – die teils über Jahrzehnte getrennt waren. Es gibt kleine kuratorische Glanzlichter wie der Besuch der Nofretete bei Kleopatra. Einträchtig stehen die beiden Schönen nun als Büsten in der Antikensammlung des Alten Museums. Und es winken Premiere-Adressen wie das erste Deutsche Fußballmuseum in Lichtenberg, in dem die größten internationalen Erfolge des deutschen Fußballs in Ost und West gefeiert werden. Ebenfalls mit dabei: Das erste Berliner DDR-Motorrad-Museum in der Rochstraße. Über hundert Motorräder, Roller und Mopeds parken hier in sechs S-Bahn-Bögen am Alexanderplatz und informieren über die Zweiradproduktion in der einstigen DDR; darunter rare Modelle wie ein Eskorte-Motorrad der Ära Honecker.

Auch wenn die Zeit an diesem Abend drängt, weil es mit Poetry Slams in der Berlinischen Galerie (19.30, 20.30 und 22.30 Uhr), Aktzeichnen im Garten des Brücke-Museums (ab 18 Uhr) und Orgelkonzert-Übertragung im Lustgarten (22.45 und 24 Uhr) jede Menge kulturelle Konkurrenz gibt: Im Alten Museum sollte man noch einmal genauer hinschauen. Denn was wurde in den vergangenen Monaten nicht schon über das künftige Humboldt-Forum am Schloss erzählt und verbreitet. Wie sich die Staatlichen Museen die künftige Neuausrichtung ihrer ethnologischen Sammlungen tatsächlich vorstellen, nimmt in der Sonderausstellung „Anders zur Welt kommen“ im Alten Museum konkretere Formen an.

Im Bode-Museum versammeln sich derweil ab 18 Uhr zeichnende Enthusiasten zu „The Big Draw Berlin“ (siehe Artikel unten). Bis Mitternacht darf hier jeder an die Staffelei, um mit Bleistiften nach Skulpturen oder dem lebenden Aktmodell zu zeichnen. Im Gobelinsaal wird der italienische Bühnenbildner und Illustrator Enrico Petracci dann Schlag 24 Uhr seine „Body Art conjunction“ beginnen – eine Performance im Dialog zwischen einer Schauspielerin und den Zuschauern. Auch in acht weiteren Museen veranstaltet „The Big Draw Berlin“ Workshops und signalisiert damit, dass hier ebenfalls ein Umdenken stattfindet: Der Lange-Nacht-Teilnehmer ist nicht länger nur ein durch die Stadt eilender Statist, sondern wirkt selbst am künstlerischen Produkt und so am Gelingen des Abends mit.

Bei allem Wechsel und Wandel – was sich bewährt hat, bleibt auch der 25. Langen Nacht der Museen erhalten. So wird der Lustgarten vor dem Alten Museum erneut das Zentrum der Veranstaltung sein. Hier eröffnet Kulturstaatssekretär André Schmitz in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit morgen um 18 Uhr das kulturelle Spektakel; bereits ab 17 Uhr kann man sich auf der Wiese zum Picknick treffen. Für die passende Grundausstattung sorgt ein „faires Picknickpaket“ mit Wein oder Saft, zwei Gläsern und Studentenfutter, das es in einer praktischen Tasche für 7,50 beziehungsweise 9,50 Euro am Stand von „Fairhandlungssache“ gibt.

Vom Lustgarten aus lassen sich die ersten zehn Museen bequem zu Fuß erkunden. Wen es danach in entferntere Bezirke zieht, kann sich von hier aus in einen der Shuttle-Busse der Routen 1 bis 6 schwingen; die siebte beginnt am Rathaus Steglitz. Und Route 8 ist am Ende noch für eine Überraschung gut: Am Abend der Langen Nacht verwandelt sich nämlich der Linienbus 114 an der Endhaltestelle Bahnhof Wannsee in ein kulturhungriges Museumsmobil.

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