Berlin : Lange Nacht der Wissenschaft: Tüftelei im Zelt

Heiko Schwarzburger

Auf dem Breitscheidplatz Stimmengewirr und Autolärm, alles wie gewohnt. In dem geräumigen Zelt am Fuße der Gedächtniskirche ging es gestern eher ruhig zu, der Lärm prallte an den dicken Planen ab. In ihrer Ausstellung "ScienceFair" zeigte dort die Freie Universität vom frühen Nachmittag an, welchen Geheimnissen ihre Forscher auf der Spur sind. Zahllose Neugierige wagten den Blick hinter die Kulissen der Universität. Die Experten reichten Proben ihrer Arbeit, zeigten Filme oder baten zum Quiz. Mineralogen brachten Kolben für Automotoren mit, die aus ähnlichem Material bestehen wie Briketts. Solche Kohlenstoff-Motoren kommen fast ohne Ölschmierung aus.

FU-Mediziner demonstrierten Belastungstests für künstliche Hüftgelenke. In Deutschland werden jährlich rund 80 000 solcher Implantate eingesetzt. Davon muss ein Zehntel innerhalb von 15 Jahren ausgetauscht werden, weil die künstlichen Gelenke nicht halten. Die Hüfte muss viel mehr Kräfte stemmen, als der Körper wiegt.

Zum Thema Programm: Termine und Höhepunkte der Langen Nacht der Wissenschaften Biologen der FU hatten Heuschrecken mitgebracht, an den sie erforschen, wie sich deren Bewegungen im Gehirn der Insekten widerspiegeln. Wer wollte, konnte auf einer so genannten "Duftorgel" spielen. Wenn Bienen eine Blüte anfliegen, vergleichen sie den Duft mit einem Muster in ihrem Hirn. Stimmen die Muster überein, wurde die richtige Blüte getroffen. Wenn nicht, geht die Reise weiter.

Auch junge Tüftler aus dem Nachwuchswettbewerb "Jugend forscht" zeigten ihre Ideen, beispielsweise wie man aus Kastanien ein umweltfreundliches Waschmittel gewinnen kann. Der in den Samen steckende Wirkstoff heißt Saponin. Er hat eine ausgezeichnete Waschkraft, ist hautverträglich und sehr billig. Durch den Zusatz von Duftstoffen und Zitronensäure wird das Öko-Waschmittel wohlriechend und haltbar.

Für ein anderes Projekt im Wettbewerb "Jugend forscht" haben sich Levin Alexander (19) aus Karow und Jonas Pfeil (18) aus Mitte viele Stunden um die Ohren geschlagen. Die beiden interessieren sich für Computer, Elektronik "und überhaupt Technik". Um die Archivierung von Ultraschallaufnahmen oder anderen Diagnosebildern in der medizinischen Praxis von Levins Vaters zu vereinfachen, taten sie sich zusammen und bastelten ein marktreifes System, das diese aufwändige Arbeit automatisch erledigt. "Bisher müssen die Bilder entweder auf teurem Spezialpapier ausgedruckt, zusätzlich mit dem Namen des Patienten beschriftet und in langen Regalen archiviert werden", erklärte Jonas Pfeil einer Gruppe junger Leute. "Unsere Idee war es, die auf den Aufnahmen befindlichen Patientendaten mittels digitaler Bilderkennung direkt auszuwerten." Ihr "Archimed"-System haben die beiden schon an eine weitere Praxis verkauft. Bei der nächsten Runde von "Jugend forscht" wollen sie selbstverständlich wieder mitmachen. "Wir bauen gerade an einem Roboter", sagte Levin Alexander geheimnisvoll. "Aber mehr wird nicht verraten." Und danach? "Ein Studium natürlich", sagte Jonas Pfeil.

Einige Tische weiter zeigten FU-Forscher ihr Lernprogramm "Cinderella". Das Aschenputtel muss dafür herhalten, um den Jüngsten die verborgenen Regeln der Geometrie nahe zu bringen. Demnächst können Schüler und Lehrer dieses interaktive Programm nutzen, um den Satz des Pythagoras oder komplizierte Schnittzeichnungen von Kegeln zu simulieren. Auch schwierige Aufgaben aus der Geometrie werden somit zum Kinderspiel.

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