Berlin : Lange Wege in den Westen

Gutachten: Für die meisten Berliner ist der Bahnhof Zoo schneller zu erreichen als der Hauptbahnhof

Cay Dobberke

Seit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs und der Abkoppelung des Bahnhofs Zoo vom Fernverkehr im Mai 2006 müssen die meisten Berliner längere Fahrzeiten einplanen, um Fernzüge in Richtung Westen mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Geowissenschaftlers Jürgen Schweikart von der Technischen Fachhochschule (TFH) Berlin für die Arbeitsgemeinschaft City. Rund 1,92 Millionen Berliner seien davon betroffen; für sie ist der Bahnhof Zoo leichter zu erreichen.

„Besonders Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf, aber auch Teile von Tempelhof-Schöneberg sind stark benachteiligt“, heißt es in der Studie, die dem Tagesspiegel vorliegt. Andere Bezirke seien in unterschiedlichem Maß betroffen. Schweikart beschäftigte sich mit einem von ihm errechneten Einzugsgebiet der Bahnhöfe, in dem rund 2,2 Millionen Menschen wohnen – dies entspricht fast zwei Drittel aller Berliner.

Dem Forscher ging es um die Folgen für BVG- und S-Bahn-Benutzer; die Auswirkungen auf den Autoverkehr untersuchte er nicht. 87 Prozent der Einwohner im Untersuchungsgebiet müssen nach seinen Erkenntnissen mehr Zeit für die Anfahrt zum Fernbahnhof einkalkulieren, wenn sie zum Beispiel nach Hannover oder Frankfurt reisen wollen.

Im Einzelnen schreibt Schweikart, für rund 665 000 Menschen verlängere sich die Anfahrtsdauer um mehr als zehn Minuten; rund 740 000 Berliner bräuchten fünf bis zehn Minuten länger, während der zusätzliche Zeitaufwand für mehr als 513.000 Betroffene geringfügiger ausfalle (zwei bis fünf Minuten). Verkürzt habe sich die Anfahrtszeit zum Hauptbahnhof im Vergleich zum Bahnhof Zoo dagegen nur für 7 Prozent der Berliner in seinem Untersuchungsgebiet, so Schweikart. Für 6 Prozent gibt es dem Gutachten zufolge es „keine nennenswerten Veränderungen“.

Die Arbeitsgemeinschaft City hat das TFH-Gutachten in Auftrag gegeben, um ihre Forderung nach der Wiederaufnahme des Fernverkehrs am Zoo auch wissenschaftlich untermauern zu können. „Wir leben in einer serviceorientierten Welt – da kann es nicht sein, dass ein Großteil der Bevölkerung benachteiligt wird“, sagt der Vorsitzende der AG City und Direktor des Hotels Palace, Kurt Lehrke.

Bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag will der Gutachter seine Studie vorstellen (19 Uhr in der 13. Etage des Europa-Centers). Veranstalter ist der „Verein unzufriedener Bahnkunden“, den die ehemalige Pfarrerin Helga Frisch gegründet hat. Sie zählt zu den schärfsten Kritikern von Bahnchef Hartmut Mehdorn. Zusammen mit dem Bezirk und Geschäftsleuten sammelte Frisch mehr als 140 000 Protestunterschriften gegen die Herabstufung des Bahnhofs Zoo zur Regionalstation und organisierte dort zwei Mal Menschenketten. Zur Diskussion kommen auch die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bürgermeisterin Monika Thiemen (SPD), AG-City-Chef Lehrke,Peter-Michael Riedel vom Kurfürstendamm e.V. und der Europa-Parlamentarier Michael Cramer (Grüne).

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