Berlin : Langer Schatten auf der Sonnenallee

In der Neuköllner Einkaufsstraße stehen immer mehr Läden leer. Manche jahrelang. Der Bezirk will das ändern

Ariane Bemmer

Wer die Sonnenallee Richtung Osten spaziert, kann kurz vorm Estrel-Hotel ins Koma fallen. Im wörtlichen Sinne, denn an der Ecke Ederstraße hat eine Kneipe diesen Namen. Und im übertragenen Sinne, weil der Spaziergang durch eine Straße führt, der es schlecht geht. Zwar ist sie grün und breit, und in der Mitte ist ein Parkstreifen voller Bäume, aber zwischen plastikbunten Ladenreklamen klaffen viele Lücken, reihen sich gescheiterte Geschäftsideen aneinander.

Die Pizzeria: zu. Das Angelhaus: verwaist. Die Polsterei: geschlossen. Das Reisebüro: verschlossen. Der Ramschladen und die Boutique: leer. Die türkischen Gemüseläden: zu. Die Reichelt- oder die Deutsche Bank-Filiale: weg. In der Kneipe „Dreieck“ nah am Hermannplatz ist jetzt Schluss, im Briefmarkenladen daneben auch, im „Taxi-Eck“ am Hertzbergplatz gibt es laut Aushang seit Oktober 2000 kein Bier mehr.

Gegen den langen Schatten auf der Sonnenallee haben die Wirtschaftsförderer im Bezirksamt Neukölln „Strukturfördernde Maßnahmen für Berlin Neukölln-Nord“ konzipiert. Für die soll es Geld geben von der Investitionsbank. Es geht um 220000 Euro. Am 28. August wird entscheiden. Punktuell sollen „chancenreiche“ Standort gefördert werden. Unterstützung für Werbemaßnahmen, Imageverbesserung, Flugblattaktionen und Ähnliches. Kleinigkeiten, möchte man meinen, angesichts der Einschätzung, dass Neukölln-Nord „in besonderem Maße davon bedroht“ ist, „ins soziale Abseits zu rutschen“, wie es im Förderantrag heißt. Der Stadtteil weise in fast allen Bereichen – Arbeitsplätze, Bildungsniveau, Baubestand oder Kulturangebot – „erhebliche Mängel“ auf.

Clemens Mücke vom Wirtschaftsförderungsamt sagt, dass es eine gute Kooperation zwischen dem Estrel-Hotel und den Händlern und Kneipen in der Nähe gegeben habe. Es wurden Flyer gedruckt und im Hotel ausgelegt. So schauten die Hotelgäste in den Läden vorbei – und manche kamen wieder. Lange hielt das aber nicht. Als der Bezirk sich zurückzog aus der Organisation, hätten die Wirte und Händler nicht weitergemacht, sagt Mücke. Keiner sei bereit gewesen, „sich über das normale Maß hinaus zu engagieren“.

Einer, der viel getan hat, war Siegfried Hermann, der Polsterer. Er war Vorsitzender der Interessengemeinschaft Sonnenallee, der anfangs mehr als 60 Händler angehörten, inzwischen sind es aber nur noch zwölf. Und jetzt habe Hermann Schluss gemacht, die Polsterei geschlossen, sagt Mücke. Und das Straßenfest, eine Idee der IG, macht’s auch nicht mehr lange. Dieses Jahr findet die „Singende und klingende Sonnenallee“ zum letzten Mal statt – obendrein nur auf dem Abschnitt östlich der Wildenbruchstraße. Der westliche Teil macht nicht mehr mit, auch Blumenhändler Bernd Weyer nicht. Sein Vater hat das Geschäft Ecke Jansastraße 1957 eröffnet als Obst- und Gemüseladen, da war ordentlich was los. 45 Angestellte hatte Weyer damals. Dann kamen die Filialbetriebe und Weyer nahm Blumen ins Angebot. Die Straße habe nachgelassen, sagt er. Und: „Wir leben heute von Stammkundschaft.“ Ehemalige Nachbarn, die weggezogen sind. Die Türken und Araber in der Umgebung interessieren sich nicht für Schnittblumen. Und doch erfüllt der Laden eine wichtige Funktion. Es beweist, dass die Sonnenallee noch am Leben ist.

Dafür nämlich sind Buch- und Blumengeschäfte wichtige Indikatoren. Fachhändler, die Dinge verkaufen, die man nicht unbedingt braucht. Das sagt Professor Hartmut Häussermann vom Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität. Schlimm sei die Häufung von Resterampen und Pfennigparadiesen, weil die eine Abwärtsspirale in Gang setzen. Weil es nur Billigkram gibt, kommen keine qualitätsorientierten Kunden mehr, machen noch mehr Fachhändler zu, kommen noch mehr Billigläden. Auch die Telefonläden sind ein Problem: „Die kommen für ein Jahr, sahnen die Nachfrage ab und sind dann wieder weg“, sagt Soziologe Häussermann. Auch Wirtschaftsförderer Mücke zuckt mit den Achseln. „Mit denen muss man über Standortsicherung gar nicht erst reden“, sagt er. Die interessierten sich nicht. Er weiß, dass manche Händler im Kiez von der Politik wollen, dass leere Läden nicht an Billiganbieter oder Ausländer vermietet werden. Aber was kann der Bezirk schon tun?

Ein Vermieter sucht von sich aus nach deutschen Mietern. Bisher erfolglos. Seit 1997 steht sein Laden leer. Auch die DB-Immobilien tut sich schwer, die leere Bankfiliale in Haus Nummer 120 wieder zu vermieten. Die Straße verfalle, sagt Makler André Schmidt. Das schrecke zahlungsfähige Mieter ab. Die angepeilten 13 Euro pro Quadratmeter werde es wohl nicht geben. Ohnehin wird rings herum weniger verlangt. Sieben oder acht Euro pro Quadratmeter. Aber ohne Umsatz ist auch die geringste Miete zu hoch.

Vier Ein- und Auszüge seit 1998 hat Christoph Arend in den Räumen nebenan gezählt. Arend ist Filialleiter im Weinladen Schmidt in der Sonnenallee 102. Dem Geschäft, das immer genannt wird, wenn man nach Fachhandel fragt: Weinladen Schmidt und Blumen Weyer, die letzten, seit der Fleischer und der Polsterer weg sind. 1971 hat Dietmar Schmidt in der Sonnenallee angefangen. Als einziger mit trockenen Weinen, sagt Arend. Dabei tranken die Berliner lieber lieblich. Schmidts Weitblick hat sich ausgezahlt, sein Familienbetrieb hat expandiert. Arend hat in den vergangenen fünf Jahren eine „deutliche Veränderung“ in der Sonnenallee wahrgenommen. „Die etablierten Geschäfte hören auf, oft aus Altersgründen“, sagt er. Döner- und Imbissbuden ziehen nach. Die Straße werde „monokulturell“, sagt Arend und will das nicht als ausländerfeindlich verstanden wissen. Es sei aber nicht „zukunftsträchtig“. Seine Kunden sind, wie bei Weyer, meist Stammkunden „Die kommen sogar aus Brandenburg angefahren.“ Es werde aber auch an große Hotels geliefert. Der Pachtvertrag für den Weinladen läuft „noch eine gewisse Zeit“, sagt Arend. Er kann sich nicht vorstellen, dass Schmidt den Standort behält. Auch nicht aus romantischen Gründen. In der Sonnenallee bleiben, das wäre nicht Romantik, sagt Arend. „Das wäre Selbstzerstörung.“

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