Berlin : Langstreckenticket in die Frontstadt

Nach dem S-Bahn-Boykott meldeten sich 250 westdeutsche Busfahrer freiwillig für den Berlin-Einsatz Sie lenkten die Fahrzeuge der BVG. Die Berliner jubelten am Straßenrand – und wiesen den Weg

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West-Import.
West-Import.

Hans Werk steuert den „Äppelwoi-Express“ vom Flughafen Tempelhof nach Roseneck in Grunewald. Die Fahrgäste stehen Schlange, um bei ihm im „Solidaritätsbus“ mitfahren zu können. Es ist der erste Herbst nach dem Mauerbau. „Eine tolle Zeit“, sagt Werk.

Hans Werk war am 3. September 1961 von Frankfurt am Main nach Berlin gekommen, als einer der ersten westdeutschen Busfahrer, die der BVG nach dem Abschneiden des Ostsektors aus der Bredouille halfen. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt hatte zusammen mit dem DGB zum S-Bahn-Boykott aufgerufen und damit so viel Erfolg, dass die BVG den Ansturm der zusätzlichen Fahrgäste nicht bewältigen konnte. Die Berliner Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) organisierte über ihre westdeutschen Verbände eine Hilfsaktion. Werk saß im Personalrat der Frankfurter Verkehrsbetriebe und meldete sich freiwillig für den Dienst in der „Frontstadt“.

Hatte er keine Angst? Damals flohen viele Menschen aus West-Berlin, Unternehmen verlagerten ihre Produktion nach Westdeutschland. Doch Werk dachte umfassender. „Wenn es zum Krieg kommt, dann sind wir alle dran.“ Auch seine damalige Frau sei einverstanden gewesen. „Wir wollten helfen.“

Busfahrer Werk erreichte die eingemauerte Stadt mit dem Flugzeug, sein Bus kam mit der Bahn. Logis nahm Werk in einer Pension am Ku’damm. Einige Tage später wurden die Solibusfahrer offiziell vom Senat empfangen. In einem „Triumphzug“ fuhren sie vom BVG-Betriebsbahnhof an der Cicerostraße in Halensee zum Rathaus Schöneberg. Die Berliner standen am Ku’damm „zu Tausenden“ Spalier, um die Busfahrer zu bejubeln, berichtete der Tagesspiegel.

Die Gewerkschaft kümmerte sich um die Helfer, sorgte für Ausflüge und Skatabende oder lud zum „Bockbierfest“ in den Sportpalast. Beim „Hühner-Hugo“ brauchten die Busfahrer nichts bezahlen. Eigentlich sollte die Soliaktion nach vier Wochen vorbei sein, aber dann kam ein Telegramm aus Frankfurt: „Rückflug aufschieben, Dienst weiterversehen ...“ Werk blieb bis zum April 1963.

Der Mauerbau war keine Blockade. West-Berlin wurde weiter mit Lebensmitteln und Braunkohle aus dem DDR-Umland versorgt. Nur die Grenzgänger fehlten. Rund 60 000 Menschen aus den umliegenden DDR-Bezirken und Ost-Berlin konnten nicht mehr zu ihren Arbeitsstellen. Hinzu kam die Abwanderung von West-Berlinern. Der Bundesjugendring rief junge Arbeitnehmer dazu auf, nach West-Berlin zu gehen. Bis zum Jahresende 1961 kamen rund 600 Westdeutsche, vorwiegend Männer, weil viele Eltern ihre Töchter nicht in die Großstadt ziehen lassen wollten. So fehlten noch Jahre später vor allem Verkäuferinnen, Näherinnen und Krankenschwestern. Die Bundesregierung gewährte allen West-Berlinern eine „Zitterprämie“, Erwachsene bekamen 100 Mark im Monat, Kinder die Hälfte. Auch Berlin-Reisen wurden subventioniert.

Die Busfahrer waren die engagiertesten Berlin-Helfer. Zu Spitzenzeiten fuhren 44 Busse aus 23 Städten an der Spree. 250 Fahrer beteiligten sich. Weil die meisten ortsfremd waren, stand immer ein Fahrgast vorne und gab Anweisungen, bis der Streckenverlauf saß. Einige Fahrer hatten ihre Stammgäste, die nur mit ihnen unterwegs sein wollten.

Ärgerlich war nur, dass Werks Arbeitgeber alte Reisebusse nach Berlin geschickt hatte. Sollte „der Russe“ doch noch einmarschieren, wollte man ihm nicht die neuen Gelenkbusse überlassen. Die Reisebusse hatten Sechsgangschaltung, völlig unbrauchbar für den Linienverkehr in einer Großstadt. Im Mittelgang quetschten sich die Fahrgäste, es herrschten „sardinenähnliche Zustände“, schrieb die „Frankfurter Rundschau“. Dabei verstieß das Stehen in Bussen gegen die Betriebsordnung der BVG. Werk beruhigte seine Passagiere: „Das hier ist Frankfurter Hoheitsgebiet.“ Ab und zu durfte er auch einen Doppeldecker der BVG fahren: „Die hatten schon Automatik.“ Die westdeutschen Solifahrer hatten zunächst das Privileg, nur werktags eingesetzt zu werden. Die Wochenenddienste mussten die Berliner Kollegen schieben.

Für seinen Einsatz erhielt Werk von Willy Brandt persönlich ein Buch überreicht. Heute können sich nur noch wenige Berliner an die Solidaritätsbusse erinnern. Meistens wird Werk als Zeitzeuge eingeladen, um vor Schulklassen vom Krieg und der Nazizeit zu berichten. Werk war Hitlerjunge und Mitglied der Waffen-SS. Sein Dorfschullehrer in der Neumark, wo er aufwuchs, hatte ihn indoktriniert und selbst gegen seinen Vater aufgebracht.

Werk erzählt mit Verve seinen politischen Werdegang vom glühenden Nazianhänger zum überzeugten Demokraten. Dabei vibriert seine Stimme, fassungslos über die eigene Verblendung und Wirklichkeitsverdrängung. Noch fünf Jahre nach Kriegsende wollte er nichts von den Gräueltaten der Nazis wissen. Ein Gewerkschafter klärte ihn auf und versorgte ihn mit Literatur. Seitdem sind ihm Ideologien verhasst. Und Mauern nicht minder.

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