Berlin : Lasst die Brasilianer kommen

Eine Million Fans werden zur Fußball-WM erwartet – wie die Tourismusbranche die Chance nutzen will

André Görke,Robert Ide

Bis ins Hotelzimmer wäre es nur ein kurzer Fußmarsch. Lennart Johansson wird bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im „Hotel Adlon“ wohnen, er ist der Vorsitzende der Organisationskommission des Weltverbandes Fifa. Und als er gestern bei der Besichtigung des Berliner Olympiastadions vom Vorschlag des WM-Kulturbeauftragten Fedor Radmann hörte, nach dem Finale eine große Abschlussfeier vor dem Brandenburger Tor zu veranstalten, sagte Johansson nur: „This is an excellent idea!“

Die nationalen Organisatoren wollen nun mit Senat, Bund und Sponsoren über die Finanzierung der Feier reden. Bei freiem Eintritt werden, wie berichtet, eine Million Menschen erwartet. Eine offizielle Abschlussparty in der Stadt – das gab es noch nie bei einer Fußball-WM. Für Berlins Tourismus-Experten wäre sie die Krönung der vier Turnierwochen am 9. Juli 2006. „Etwas Besseres kann es für die Stadt nicht geben“, sagt Hanns Peter Nerger. Der Chef der „Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM)“ blättert in seiner WM-Studie und gerät ins Schwärmen. „Berlin wird beben, die Stadt wird alles übertreffen, was wir kennen“, sagt Nerger. Eine Million WM-Touristen werden bundesweit erwartet, und Experten rechnen damit, dass „jeder einmal die Hauptstadt besucht“. Nerger spricht von 80 000 Hotelbetten, die für die WM 2006 zur Verfügung stehen. Er redet von Geld, Image und Visionen.

In einer Woche wird der Weltverband Fifa zum „Workshop WM-Tourismus“ laden. Die zwölf Städte schicken ihre Vertreter hin – doch Nerger ist sich sicher: Die WM 2006 wird vor allem für Berlin der internationale Durchbruch sein.

Die BTM beginnt im neuen Jahr mit ihrer Marketingoffensive. Die Experten haben es weniger auf polnische oder niederländische Fans abgesehen, die mit Bussen oder Wohnmobilen nach Berlin reisen und abends wieder heimfahren. „Wir wollen mit der WM den südamerikanischen Markt erobern“, sagt Nerger. Seine Vorstellung: Argentinier und Brasilianer fliegen nach Deutschland, reisen ihrem Team zwar in die anderen Städte hinterher – ihr Stammhotel liegt jedoch in Berlin. „Wir erreichen jeden Spielort in zwei Stunden“, sagt Nerger. Deshalb will er nun mit Billigfliegern wie „Air Berlin“ und „Easyjet“ über Kooperationen während der WM sprechen.

Natürlich gibt es nur drei Millionen Tickets, und natürlich werden nicht alle eine Karte bekommen. Das weiß Nerger, aber er sagt auch: „Wir werden die Touristen auch ohne Tickets nach Berlin holen.“ Die Stimmung, die Auftaktfeier, die Abschlussparty. „Die Welt wird nach Berlin schauen, und sie werden ein buntes, fröhliches Bild sehen. So viel Werbung bekommt die Stadt nie wieder und vor allem: nie wieder so preiswert.“ Drei Milliarden Menschen sollen allein das Berliner Auftaktfest am 8. Juni 2006 vor den Fernsehern verfolgen. Deshalb wollen die Berlin-Werber nun auf die erwarteten 20 000 Journalisten zugehen. In München wurde zwar das WM-Pressezentrum erbaut, die Entscheidungen fallen jedoch in Berlin, weil in den Hotels Adlon und Interconti die Entscheider des Weltverbands sitzen. Sie haben in Berlin bereits 8000 Hotelzimmer gebucht.

Mehr als 1400 Kultur-Veranstaltungen rund um die WM werden täglich in Berlin stattfinden. Wer keine Karten hat, kann auf Leinwänden wie am Sony-Center gemeinsam mit anderen gucken. Nerger spricht von „zehn bis zwölf Videowänden, das wäre unser Wunsch“. Völlig unrealistisch, sagt Horst R. Schmidt, der Vizepräsident des WM-Organisationskomitees. Für ihn machen „mehr als drei oder vier Leinwände keinen Sinn“.

Es geht um Details und viel Geld. Die Tourismus-Branche beschwert sich schon lange, dass sie keine Reisen anbieten kann, weil es keine Gruppenkontingente für Tickets gibt. „Wir sind seit einem Jahr am Schimpfen“, sagt Nerger, „aber wir können nichts ändern.“ Ärger droht auch, weil Berliner Sponsoren das WM-Logo nicht benutzen dürfen. Sie dürfen nicht einmal den Eindruck erwecken, sie hätten etwas mit der WM zu tun.

Bis zum Anpfiff im Sommer 2006 stehen viele Reformen an. BTM-Chef Nerger fordert: „Wir müssen während des Turniers den Ladenschluss unbedingt aufheben.“ Außerdem sollten Regeln außer Kraft gesetzt werden, nach denen auf dem Gendarmenmarkt nur acht Veranstaltungen pro Jahr ausgerichtet werden dürfen. „So viele kann es ja allein während der WM geben.“ Ach, und die Berliner Dienstleister sollten auf Fremdsprachenkenntnisse ihrer Angestellten achten. Nur von den Taxifahrern fordert Nerger nichts. „Die sind, wie sie sind.“

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