Berlin : Lasst die Sonne rein

Nikolaus Meyer wurde in Adlershof vom Forscher zum Unternehmer. In seiner Solarzellenfabrik läuft jetzt die Massenproduktion an

Alexander Visser

Manchmal wird Nikolaus Meyer etwas mulmig. Das Tempo, mit dem sich seine Branche derzeit entwickelt, ist schwindelerregend. Meyer ist Geschäftsführer der Sulfurcell GmbH, die in Adlershof neuartige Solarzellen produziert. Durch die Debatte über den Klimawandel erlebt die Solartechnik einen nie da gewesenen Aufschwung. Der Umsatz der deutschen Fotovoltaikbranche stieg im vergangenen Jahr von drei auf 3,7 Milliarden Euro. Experten erwarten bis 2020 jährliche Wachstumsraten von 20 Prozent weltweit. Da gelingt es nicht allen, auf dem Teppich zu bleiben. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Goldgräberstimmung geraten“, sagt Meyer.

Der 35-Jährige im grauen Anzug mit grauer Designerbrille sieht nicht so aus, als würde er den Boden unter den Füßen verlieren. Er verkörpert den Unternehmertyp, auf dem die Hoffnungen für eine zukünftige Hightech-Industrie in Berlin liegen: Physikstudium, Promotion an einem Berliner Forschungsinstitut, berufliche Erfahrung in den USA, dann Rückkehr nach Berlin, um aus dem Forschungsprojekt ein Unternehmen zu machen. Er war Mitglied eines Teams am Adlershofer Hahn-Meitner-Institut (HMI), das in jahrelanger Laborarbeit eine Alternative zu den herkömmlichen Solarzellen auf Siliziumbasis entwickelte: Dünnschicht-Solarmodule aus dem Halbleiter Kupfer-Indium-Sulfid.

„Noch mehr als die wissenschaftliche Arbeit hat mich die Herausforderung gereizt, die Forschung nutzbar zu machen“, sagt Meyer. Sulfurcell hat seit 2003 eine Pilotproduktion für die Module entwickelt. Jetzt wird die Fabrik auf Massenproduktion umgestellt. Bis zu 40 Prozent günstiger als bisher sollen die Module dann sein. Sie sehen gut aus: Das zeigt die geschwungene Solarfassade des benachbarten Ferdinand-Braun-Instituts.

Heute ist die moderne, silbergrau schimmernde Fabrik von Sulfurcell einer der größten Produktionsbetriebe im Technologiepark Adlershof. Vor einem Jahr arbeiteten hier 30 Mitarbeiter, derzeit sind es 60. „Ende des Jahres sollen es 90 sein“, sagt Meyer. Eine Erfolgsgeschichte, die ohne staatliche Unterstützung so nicht möglich gewesen wäre. In der Anfangszeit wurde Sulfurcell Meyer zufolge mit rund sieben Millionen Euro gefördert. Mittlerweile hat die Firma auch private Investoren angelockt: Vattenfall Europe, Ventegis Capital, Engelbert Giesen und die Beteiligungsgesellschaft der Investitionsbank Berlin (IBB). Als neuer Gesellschafter kam Anfang des Jahres ein auf umweltfreundliche Technologien ausgelegter Investitionsfonds der Credit Suisse hinzu.

Die Investoren hoffen darauf, dass sich die Sulfurcell-Technologie auf dem Markt durchsetzt. Aber der Wettbewerb ist hart. Sollte sich die Massenproduktion aufgrund unerwarteter Probleme zu sehr verzögern, könnten andere Hersteller das Rennen machen. In Hoffnung auf den Solarboom werden derzeit weltweit enorme Kapazitäten aufgebaut.

Aus einer Schreibtischschublade zieht Meyer eine Solarzeitschrift mit endlosen Produktionstabellen. „Schauen Sie, andere Hersteller versprechen für 2007 riesige Produktionsmengen von Dünnschicht-Solarzellen. Dabei bauen die meisten gerade erst ihre Fabriken auf, so wie wir“, sagt Meyer. Der Wissenschaftler setzt auf moderates Wachstum. Moderat zumindest für die Solarbranche: Meyer will die Produktion immerhin verfünffachen. 2006 wurden Solarmodule mit einer Gesamtleistung von 0,2 Megawatt verkauft, dieses Jahr soll die verkaufte Leistung auf ein Megawatt steigen.

Im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte hält er den Standort Berlin für eine Trumpfkarte. „Die Stadt hat einfach mehr zu bieten als Frankfurt an der Oder oder Thalheim bei Bitterfeld, wo einige unserer Konkurrenten sitzen.“ Mit der Berliner Solon AG und der US-Firma Global Solar setzen auch andere Solartechnikfirmen auf den Standort Adlershof. Zudem sind Forschungsinstitute wie das benachbarte Ferdinand-Braun-Institut oder das HMI Nachwuchslieferanten.

Auch privat fühlt sich der in Freiburg aufgewachsene Meyer wohl in Berlin. Er wohnt in der Oberbaumcity, an der Grenze zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Dort zieht es ihn hin, wenn er abends mal Zeit hat auszugehen, und dort geht auch die Tochter seiner Lebensgefährtin in die Kita. Deswegen hat es ihn sehr geärgert, als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in einem Interview sagte, er könne verstehen, wenn Eltern ihre Kinder in Kreuzberg nicht zur Schule schicken wollten. „Das war ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die dort trotz schwieriger Bedingungen anspruchsvolle Projekte verwirklichen.“

Die Aufbruchstimmung in der Solarbranche erinnert Meyer manchmal an die Interneteuphorie Ende der Neunziger, die mit einem Börsencrash endete. Dem Desaster von damals kann er aber auch etwas Positives abgewinnen: „Ohne die Erfahrung, dass junge Unternehmer in kurzer Zeit das Kapital für eine Firma zusammen bekommen können, wäre ich vielleicht nie auf die Idee gekommen, selbst ein Unternehmen aufzubauen.“

Die Serie finden Sie auch im Internet: www.tagesspiegel.de/chancen

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