Berlin : Laufendes Verfahren

Verhandlungsunfähiger Ex-Aubis-Manager Neuling lief Marathon. Justiz prüft jetzt erneut, wie krank er ist

Werner van Bebber,Kerstin Gehrke

Der Läufer mit der Startnummer 8854 absolvierte den Berlin-Marathon 2006 in vier Stunden, 26 Minuten und 39 Sekunden. Dass er an dem Wettbewerb teilnahm, hat nun juristische Folgen. Denn der Läufer mit dem Namen Christian Neuling ist zu krank, um an einem Gerichtsverfahren teilzunehmen. Der „Aubis-Prozess“ mit Neuling und seinem ehemaligen Geschäftspartner Klaus Wienhold könnte daran scheitern, dass die beiden Hauptangeklagten der Verhandlung aus gesundheitlichen Gründen nicht folgen. Nun wird sich der 63-jährige Neuling möglicherweise abermals dem Amtsarzt stellen müssen. Die Staatsanwaltschaft will den Gesundheitszustand des Ex-Managers neu untersuchen lassen. Ein entsprechender Antrag liegt der zuständigen Strafkammer vor.

Neuling und Wienhold standen wegen Betrugs vor Gericht. Sie sollen mit dem Wärmelieferanten Elpag durch überhöhte Heizpreise einen Millionenschaden zu Lasten der Berlin-Hyp, einer Tochter der damaligen Bankgesellschaft, verursacht haben. Anfang März 2004 hatte der Prozess begonnen. Wienhold schied nach zwei Jahren verhandlungsunfähig aus. Zwei Monate später machte auch Neuling gesundheitliche Probleme geltend.

Ein Amtsarzt untersuchte ihn einige Male, Gutachten wurden erstellt. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagte Richter Heinz-Georg Gahlen, Vorsitzender der zuständigen Wirtschaftsstrafkammer. Mit der attestierten Verhandlungsunfähigkeit schien das Verfahren im Nichts zu enden. Doch vor einem Monat, beim Marathon, soll ein Staatsanwalt Neuling unter den Läufern erkannt haben. Eine Urkunde belegt die sportliche Leistung des Managers: Bei über 40 000 Teilnehmern kam Neuling auf Platz 15 975.

In Justizkreisen war von psychischen Problemen Neulings als Grund für die Verhandlungsunfähigkeit die Rede. Neulings Anwalt Wolfgang Ziegler erklärt die Teilnahme am Marathon mit ärztlichem Rat. Die Ärzte hätten seinem Mandanten „das Laufen als therapeutische Maßnahme anempfohlen“. Es sei wichtig, dass Neuling über das Laufen wieder Selbstvertrauen gewinne, sagte Ziegler. „Herr Dr. Neuling will wieder gesund werden.“

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland, der als Justizsenator mit dem Aubis-Verfahren und dem Bankenskandal zu tun hatte, sagte: Man müsse es akzeptieren, dass Neulings Teilnahme am Marathon womöglich nichts entgegenstand. Der SPD-Rechtspolitiker Fritz Felgentreu sagte: „Wenn so auffälliges Verhalten zutage tritt, muss man prüfen.“ Michael Braun, CDU-Rechtspolitiker, sagte, über Neulings Verhalten müssten Mediziner entscheiden. „Mag sein, dass einer das Laufen braucht.“

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