Berlin : Lauter Hingucker

Vom Funkhaus zum Zentrum für visuelle Kunst. Ausstellungen locken in die Nalepastraße

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Auf dem endlos wirkenden Flur herrscht ständiges Kommen und Gehen. Künstler tragen Bretter, Leitern, bunte Kisten und geheimnisvolle Objekte in die zahlreichen vom Gang abzweigenden Ateliers. Junge Frauen und Männer stehen zusammen und unterhalten sich angeregt auf Deutsch, Englisch, Spanisch. Andere genießen kurz die sommerliche Aussicht aus einem der Atelierfenster auf die Spree, die kleine Insel Bullenbruch und den Plänterwald mit seinem Riesenrad. Dann machen sie sich rasch wieder an die Arbeit: Denn wenn 48 Künstler ebenso viele Ateliers mit visueller Kunst bestücken, ist das ein aufwendiges Unterfangen. Das spannende Ergebnis, die Kurzausstellung „Berliner Zimmer Genossen”, kann noch bis Sonnabend in der dritten Etage des Funkhauses Berlin in der Nalepastraße besichtigt werden.

Zwei weitere Ausstellungen zeigen, dass das einstige Stammhaus des DDR-Rundfunks mit seinem schäbig-schönen Charme in Oberschöneweide auf dem Weg ist, sich zu einem Zentrum nicht nur für Musik und Ton, sondern auch für visuelle Kunst zu entwickeln. Am Donnerstag wurde hier der neue, mit 4000 Euro dotierte „Funkhaus Kunstpreis“ im Bereich Skulptur und Installation verliehen, für den sich über 200 internationale Künstler beworben haben. Zusammen mit der Gewinner-Skulptur „Television” des UdK-Absolventen Moritz Hirsch sind die zehn weiteren Jury-Favoriten bis 23. Juli im großen Kultursaal des Hauptgebäudes ausgestellt. Und in der Alten Kantine des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes zeigen ebenfalls bis Sonnabend acht Künstler Arbeiten, die in den Ateliers des Funkhauses entstanden sind.

Der langsame, aber stetige Aufschwung des Standorts, der nach der Wende lange vernachlässigt wurde und 2006 zunächst einer Spekulantenschar zum Opfer fiel, kam erst mit dem anschließenden Kauf des Areals durch die „Keshet Geschäftsführungs GmbH & Co. Rundfunk-Zentrum Berlin KG“. Die Managerin Susanne Graef erzählt: „Wir haben Glück, die Bausubstanz ist sehr solide. Sukzessive sanieren wir jetzt zunächst Heizungs-, Beleuchtungs- und Elektrizitätsanlagen.“ Mit dem derzeitigen Vermietungsstand ist die 45-Jährige sehr zufrieden. Im Gebäudeteil B mit seiner Hörnchen-Bauform und dem berühmten „Großen Sendesaal“, in dem schon A-ha und Sting Alben aufnahmen, seien alle Studios und Proberäume vermietet.

Das von Architekt Franz Ehrlich in den 50er Jahren umgestaltete Hauptgebäude mit dem mächtigen neunstöckigen Turm war vor dem zweiten Weltkrieg Sitz einer Furnierfabrik. Ehrlich baute in die knapp 10 000 Quadratmeter Nutzfläche zahlreiche Verwaltungs- und Redaktionsbüros, die heute ebenfalls an Künstler und Kreative vermietet werden. Hier arbeitet nicht nur der renommierte Maler und Filmregisseur Jürgen Böttcher alias Strawalde, auch Musiker, Fotografen und Möbeldesigner sind eingezogen. Die neun bis 70 Quadratmeter großen Ateliers in der vierten Etage des Turmhauses sind mittlerweile fast komplett an bildende Künstler vermietet, für fünf bis sieben Euro pro Quadratmeter inklusive Heizung und Strom. Auch Amir Fattal, israelischstämmiger Installations- und Videokünstler und Kurator der aktuellen Ausstellungen, hat hier seit kurzem sein Atelier. „Durch die Geschichte des Hauses und seine räumliche Großzügigkeit ist es ein besonderer Ort”, sagt der 33-jährige UdK-Absolvent. Und dieser Ort hat noch einen weiteren, unschätzbaren Vorteil für junge Kreative: Austausch und Vernetzung ergeben sich fast von selbst. Auf der kleinen Terrasse an der Spree, in der Milchbar oder quasi im Vorbeigehen – der Flur mit den vielen Ateliers ist schließlich über 100 Meter lang.

Ausstellungen „Berliner Zimmer Genossen” und des Atelier-Programms noch heute und Samstag, 12 bis 17 Uhr. Ausstellung Funkhaus Kunstpreis bis 23.7., Mi–Fr sowie diesen Sonnabend ebenfalls 12 bis 17 Uhr. Eintritt frei. Kostenlose Sonderführungen durch das Funkhaus und die Ausstellungen am Freitag/Samstag je um 12 und 16 Uhr. Nalepastraße 18–50. Weitere Führungen und Infos unter www.nalepastrasse.de.

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