Berlin : Lautes Berlin-Mitte: 40 Prozent der Mieter wollen aus dem Szene-Viertel flüchten

Matthias Oloew

Für die Hackeschen Höfe hat Philipp Stölzl nur noch ein Wort übrig: "Spaßhölle". "Ich konnte die kreischenden Touristen nicht mehr ertragen", sagt der Sohn des Kultursenators heute. Vor vier Jahren zog er weg, in die Schöneberger Nollendorfstraße.

Das Viertel um die Oranienburger Straße und den Hackeschen Markt ist beliebt. Vor allem abends und nachts, wenn die Restaurants, Kneipen und Clubs in der Spandauer Vorstadt ihre Türen öffnen und Heerscharen von Besuchern anlocken. Das Nachsehen haben die Nachbarn. Seitdem die Besucherströme zugenommen haben, versuchen sich die Anwohner gegen den Lärm durch Kneipen und Autofahrer, die nachts endlos lange einen Parkplatz suchen, zu wehren.

In den Hackeschen Höfen haben sie Pforten eingebaut, so dass der Durchgang blockiert und die Anwohner der hinteren Höfe nachts ruhig schlafen können. Außerhalb der Höfe hat sich das Bild jedoch kaum gewandelt. Durchschnittlich 55 Dezibel hat das Umweltamt errechnet, müssen die Bewohner der Spandauer Vorstadt nachts ertragen - das ist der zulässige Grenzwert tagsüber. Nachts sollen laut Richtwerten 45 Dezibel nicht überschritten werden.

Die Schuld daran geben Behörden wie Anwohnervertreter der großen Konzentration von Gaststätten und Clubs in der Spandauer Vorstadt. Insgesamt 172 Lokale hat das Koordinierungsbüro für die Stadtsanierung in dem Gebiet gezählt mit mehr als 9000 Sitzplätzen drinnen wie draußen. Auf jeden Einwohner des Sanierungsgebiets zwischen Oranienburger Straße und Torstraße, zwischen Hackeschem Markt und Friedrichstraße kommt demnach rechnerisch ein Sitzplatz vor den Zapfhähnen.

"Zuviel" ist das einhellige Urteil der Stadtplaner, deshalb soll die Zahl der Kneipen begrenzt werden. Ein Bebauungsplan ist auf den Weg gebracht, der die Zahl und die Standorte neuer Kneipen genau festlegt. Von einem Verbot neuer Lokale ist nicht die Rede. "Kneipen mit weniger als 80 Quadratmetern und 50 Sitzplätzen werden weiterhin genehmigt", erklärt Mittes Baustadtrat Thomas Flierl (PDS). Einen Teil-Erfolg sieht darin Frank Bertermann, Bürgerdeputierter beim Bündnis Mitte und Mitglied der Betroffenenvertretung. In diesem Gremium kommen die Anwohner der Spandauer Vorstadt zusammen, um die Auswirkung der Sanierung des Viertels zu beobachten und Härten zu vermeiden.

Obwohl der Bebauungsplan noch nicht förmlich verabschiedet ist, werden bereits jetzt keine Kneipen mehr erlaubt, die die Obergrenzen überschreiten. "Das ist möglich, weil es sich um einen Konkretisierung der förmlich festgelegten Sanierungsziele handelt", sagt Flierl. Soll heißen: Vor sieben Jahren war die Erhaltung des Wohn- und Arbeitsortes Spandauer Vorstadt als erklärtes Ziel festgeschreiben worden. Heute wird das ergänzt duch die Maßgabe, dass ein intaktes Wohnumfeld nur dann garantiert ist, wenn die Zahl der Kneipen nicht überhand nimmt.

Dennoch würde die Betroffenenvertretung gerne einen generellen Zulassungsstopp für neue Kneipen sehen. "Diese Forderung besteht weiterhin", so Bertermann und sieht sich durch das Umweltamt des Bezirks Mitte bestätigt. Mit Blick auf die nächtliche Lärmbelastung dürfe eigentlich keine weitere Kneipe öffnen, hieß es kürzlich auf einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses. Bertermann verweist auch auf die Anzeigenbilanz des letzten Jahres: 179 Mal haben Nachbarn die Polizei wegen Ruhestörung alarmiert, 43 Mal gingen Beschwerden beim Umweltamt ein. 105 Bußgelder hat das Bezirksamt verhängt - meist geringe Summen.

Nach einer Umfrage des Koordinierungsbüros für die Stadtsanierung beklagten sich die meisten Anwohner über den Lärm und den Autoverkehr in ihrem Viertel. Erst dann befürchteten sie negative Auswirkungen der Sanierung und eine Steigerung der Mieten. 40 Prozent gaben an, wegen der Situation aus dem Gebiet wegziehen zu wollen. Gleichwohl ist die Einwohnerzahl der Spandauer Vorstadt im vergangenen Jahr im Vergleich zum restlichen Bezirk Mitte leicht angestiegen. Der Grund: Viele Häuser konnten nach abgeschlossener Restaurierung erstmals wieder bezogen werden.

Doch behördliche Auflagen und Bebauungspläne nutzen nichts, wenn sie nicht beachtet und kontrolliert werden. Thomas Flierl bestätigt, dass die Behörde so gut wie gar nicht nachsieht, ob die erteilten Auflagen auch wirklich eingehalten werden. "Wir haben zu wenig Personal", sagt der Baustadtrat. Diese Aufgabe könnte der Bezirk an die Polizei delegieren, doch auch hier ist die Personaldecke dünn, und außerdem setzt das voraus, dass die Streifen über die Kneipen Bescheid wissen: Wie viele Plätze sind genehmigt, wie viele Tische dürfen auf der Straße stehen?

In Mitte verfügen viele Bars zwar über eine Kneipenkonzession, veranstalten vor allem am Wochenende aber Disco-Abende mit lauter Musik - allerdings, ohne eine Genehmigung zu haben. Denn die geht einher mit strengeren Auflagen des Bauamtes (Brandschutz) und hohen Gebühren. Doch dafür haben viele Kneipiers kein Geld.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben