Berlin : Lautstarke Rufe nach Ruhe

Die Jüdische Gemeinde wählt am Sonntag ihre Repräsentanten – und hofft auf inneren Frieden

Amory Burchard

„Auf Wiedersehen. Ich spreche nicht mit Ihnen, Sie sind Luft…“ So begrüßt Rechtsanwalt Albert Meyer den Fragesteller Moishe Waks am Saalmikrofon. Vor Wut versagt Meyer die Stimme. Noch-Kulturdezernent Waks und andere amtierende Mitglieder des Vorstands der Jüdischen Gemeinde hatten Meyer am Morgen eine Unterlassungserklärung zustellen lassen. Sollte er weiterhin behaupten, Waks und seine Vorstandskollegen hätten „in sechs Jahren die Hälfte des Gemeindevermögens verpulvert“, drohe ihm eine Strafe von 100 000 Euro.

Eine unschöne Szene aus dem laufenden Wahlkampf in der Jüdischen Gemeinde. Am morgigen Sonntag wird gewählt – vorzeitig, nachdem sich das im März 2001 für vier Jahre gewählte Gemeindeparlament vor fünf Monaten im Eklat aufgelöst hatte. Im Zentrum des Streits standen Machtkämpfe zwischen dem Vorsitzenden Alexander Brenner und seinem Vorstand – und ein 1,5-Millionen-Euro-Defizit in der Gemeindekasse. Der 21-köpfige Gemeinderat, die Repräsentantenversammlung (RV), hatte sich selbst aufgelöst, um den Weg für eine „Strukturreform der Gemeindeverwaltung“ und ein „professionelles Management“ freizumachen. So steht es im Programm von Meyers Bündnis „Kadima“ (Vorwärts), aber unterschreiben würden das wohl alle 55 Kandidaten.

Einige Tage nach seinem temperamentvollen Auftritt bei der Wahlversammlung geht Meyer bei einer weiteren Vorstellungsrunde durchs Publikum im Gemeindesaal und entschuldigt sich. Schließlich ist er Spitzenkandidat des mit 21 Mitgliedern stärksten Wahlbündnisses. Meyer rechnet sich nicht zu Unrecht gute Chancen aus, Vorsitzender der Gemeinde zu werden. Aber ein Choleriker an der Spitze ist das letzte, was die zerstrittene jüdische Gemeinschaft in Berlin jetzt braucht. Denn auch in einem weiteren Punkt des Vorwärts-Programms sind sich alle einig: Die Gemeinde soll „endlich raus aus den Negativschlagzeilen der Tagespresse“. Die Antirassismus-Aktivistin und unabhängige Kandidatin Anetta Kahane bringt es auf den Punkt: „Je mehr wir uns hier drinnen streiten, desto mehr freuen sich Leute draußen.“ Es drohe Auftrieb für den Antisemitismus. Auch die aus der Sowjetunion stammende Ärztin Margarita Bardich tritt im Bündnis Jüdische Einheit „aus Sorge um das Ansehen der Gemeinde“ an.

Ruhe bringt Alexander Brenner, der amtierende Vorsitzende, in die Versammlung am Montagabend. Der Chemiker und ehemalige Diplomat in deutschen Diensten ist vielleicht eine Spur zu ruhig, um noch einmal ein so gutes Ergebnis wie 2001 zu erreichen. Von Selbstkritik ist im Statement des gescheiterten Vorsitzenden keine Spur. Ein Wahlprogramm bleibt er der Gemeinde weitgehend schuldig. „Ich will keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann, so wie beim letzten Mal“, sagt Brenner. Integration der „Russen“? „Eine plattgewalzte Vokabel.“ Sparen? „Das will jeder, und wir werden sehen, ob die nächste RV konkrete Maßnahmen beschließen kann.“ Stark macht sich Brenner nur im Kampf gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit.

Eine lange Reihe von russischsprachigen Gemeindemitgliedern, die sich vor dem Saalmikrofon aufgebaut haben, will aber etwas ganz anderes von den Kandidaten wissen: Was wollen Sie tun, um Berlin wieder für die Einreise russischer Juden zu öffnen, was für die Rentenansprüche aus der Sowjetunion, die sie in Deutschland bislang nicht geltend machen können? Auf dem Podium sitzen zwar mehrheitlich Landsleute – aber schlüssige Antworten haben sie nicht auf die besorgten Fragen. Die meisten Kandidaten sind zu neu in der Gemeindepolitik, um die komplizierte Gemengelage zwischen Sparzwang und sozialer Gerechtigkeit zu durchschauen.

Ob sie auch zu unbekannt sind, um sich gegen vertraute Kandidaten wie Meyer, Brenner oder die große alte Dame der Gemeinde, Sylva Franke, durchzusetzen, wird sich am Sonntag zeigen. 8000 Berliner Juden sind zur Wahl aufgerufen, zwei Drittel von ihnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion.

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