Berlin : Lea Rosh: Ich wurde nicht rechtzeitig informiert

Mahnmal-Initiatorin wirft Geschäftsführerin der Denkmal-Stiftung vor, zu lange über das Problem Degussa geschwiegen zu haben

Dagmar Rosenfeld

Zwischen der Geschäfsführerin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden und der stellvertretenden Vorsitzenden des Kuratoriums, Lea Rosh, gibt es heftigen Streit. Es geht um die Frage, ob Rosh – wie von Geschäftsführerin Sibylle Quack behauptet – bereits vor der Kuratoriumssitzung am 23. Oktober über die NS-Vergangenheit der Degussa und ihre Beteiligung am Bau des Holocaust-Mahnmals informiert gewesen ist.

Stiftungsgeschäftsführerin Quack hatte dem Magazin „Der Spiegel“ gesagt, sie habe Frau Rosh bereits am 13. Oktober telefonisch informiert, dass die Vergangenheit von Degussa zum Thema werden könnte – und nicht erst bei der Kuratoriumssitzung zehn Tage später. Einwände habe Frau Rosh dabei keine erhoben. „Frau Quack hat kein Wort über den Zusammenhang zwischen Degussa und Degesch verloren“, sagte Lea Rosh dagegen dem Tagesspiegel. Die Degesch, eine Tochter der Degussa, hatte das Nervengas Zyklon B produziert, mit dem die Nationalsozialisten mehrere Millionen Juden ermordeten. Deswegen hatten Rosh und andere Kuratoriumsmitglieder gefordert, dass Degussa nicht mehr den Graffitischutz für die Mahnmal-Stelen liefern solle. Daraufhin war der Mahnmalbau vorläufig gestoppt worden.

Bei dem Telefonat am 13. Oktober habe Sibylle Quack nur ganz allgemein über die Frage gesprochen, wie man mit belasteten Firmen umgehen solle, so Rosh. „Natürlich können wir wegen ihrer Vergangenheit nicht über alle deutschen Unternehmen den Bann verhängen“, sagt Rosh. Das habe sie auch Frau Quack geantwortet. Ob während des Telefonats auch der Name Degussa gefallen sei, könne sie heute nicht mehr sagen. „Ganz sicher aber hat Frau Quack mit mir nicht über die Degesch und Zyklon B geredet“, sagt Rosh. „Ansonsten wären bei mir doch alle Alarmglocken angegangen.“ Dabei ist Quack zum Zeitpunkt des Telefonats der Zusammenhang von Degussa und Degesch längst bekannt gewesen. Aus dem Protokoll einer Baubesprechung im Januar diesen Jahres geht hervor, dass die Geschäftsführung sich mit der „historischen“ Rolle der Firma Degussa beschäftigen wollte. „Das Kuratorium hat davon allerdings erst in der Sitzung am 23. Oktober erfahren“, sagt Rosh. Zuvor war in der schweizerischen Zeitung „Tages-Anzeiger“ ein Artikel erschienen, in dem erstmals die Vergangenheit der Degussa und ihre Beteiligung am Mahnmal thematisiert wurden. Der Artikel wurde bei der Sitzung dann auch dem Kuratorium vorgelegt.

Wie es mit dem Mahnmal weitergehen soll, wird das Stiftungskuratorium am Donnerstag entscheiden. „Wir müssen einen vernünftigen Kompromiss finden“, sagt Rosh. Einen Kompromiss, mit dem auch die Hinterbliebenen der ermordeten Juden leben könnten. „Das Mahnmal wieder abreißen, das will niemand.“ Eine denkbare Lösung wäre, die bisher mit dem Degussa-Mittel bearbeiteten Stelen aufzustellen. Für den Weiterbau aber sollte eine andere Lösung gefunden werden.

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