Berlin : „Lebe wohl, mein Freund“

Wie türkische Blätter über den Mord an dem Journalisten Hrant Dink berichten

Suzan Gülfirat

Am Wochenende beteiligten sich sämtliche türkischen Tageszeitungen und Fernsehsender an der Suche nach dem Mörder des armenisch-stämmigen Journalisten Hrant Dink. Sie zeigten Bilder der Videoaufzeichnung, auf der der jugendliche Tatverdächtige Ogün S. zu sehen war. Kurz darauf wurde er gefasst, gestern hat er die Tat gestanden.

Alle türkischen Medien – von der politischen Linken bis zur Rechten – haben den Mord an dem Journalisten verurteilt. Dennoch gab es Unterschiede in der Art der Berichterstattung. Einige Journalisten kannten Hrant Dink persönlich und schrieben Nachrufe. „Er legte seinen Arm um meine Schulter und erzählte mir eine schöne Anekdote (über eine in die Türkei zurückgekehrte türkisch-armenische Frau)“, schrieb beispielsweise Can Dündar von der liberalen Milliyet. Er betitelte seinen Text mit einer Überschrift in armenischer Sprache: „Lebe wohl, mein Freund!“ Auch eine Kommentatorin der regierungsnahen islamischen Tageszeitung Yeni Safak kannte ihn gut. „Während einer Reise nach Anatolien hat er mir die besten armenischen Restaurants genannt“, schrieb Ayse Böhürler. „Er nahm kein Blatt vor den Mund, war ein Intellektueller“, lobte die Kopftuchträgerin sein Engagement für die Menschenrechte. „Sie haben unseren Hrank umgebracht“, titelte das Blatt ganzseitig.

Eines aber hatten die Blätter gemeinsam. Die umfangreichen Berichte waren auch Indiz türkischer Befürchtungen über ausländische Reaktionen. Der stellvertretende US-Außenminister Nicolas Burns halte sich derzeit in der Türkei auf, berichtete Hürriyet am Sonntag. „Glauben Sie, dass diese Tat die Behauptung über den angebliche Völkermord verstärken wird?“, habe Außenminister Abdullah Gül ihn gefragt. „Die beiden Themen sollten nicht miteinander in Zusammenhang gebracht werden. Wir haben gesehen, dass die türkische Regierung geschockt ist“, zitierte die Hürriyet den Gast.

Die Türkiye berichtete vorsichtiger. „Das ist der Verdächtige“, titelte das Blatt zu den Bildern der Videoaufzeichnung. Im Kommentar kritisierte die Zeitung die voreiligen Schlüsse anderer Kollegen. „Kein normaler Türke kann diese Tat gutheißen“, schrieb Ismail Kapan. „Vielmehr sollte die Frage geklärt werden, ob Hrant Dink wegen seiner Meinung umgebracht wurde oder ob ihn jemand als Zielscheibe benutzt hat, um dem Land zu schaden.“

Hürriyet und Milliyet berichteten gestern über Trauerkundgebungen auch in Frankfurt und Köln. Zudem zitierten die beiden Zeitungen zahlreiche türkischstämmige Politiker und Vertreter türkischer Organisationen aus Deutschland. „Wir haben einen Freund verloren“, hieß es dazu in der Hürriyet. „Sturm der Empörung“, betitelte die Milliyet ihren Bericht. Nach der Festnahme des Täters zitierte Hürriyet in ihrer Online-Ausgabe EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn: „Gratulation zu Ihrer Vorgehensweise.“

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