Leben in der Hauptstadt : Wohnungen in Berlin wurden knapp - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren nahm die Zahl der Haushalte in Berlin seit Jahren zu – gleichzeitig wurden immer weniger Wohnungen gebaut, Wohnraum wurde knapp und die Mieten stiegen deutlich. Was Ralf Schönball damals schrieb.

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In Prenzlauer Berg (hier die Lychrner Straße) wurde großflächig saniert. Neu wird kaum noch gebaut.
In Prenzlauer Berg (hier die Lychrner Straße) wurde großflächig saniert. Neu wird kaum noch gebaut.

BerlinIn Berlin werden immer weniger Wohnungen gebaut. Zugleich steigt aber die Zahl derer, die aus der gemeinsam mit dem Partner genutzten Wohnung ausziehen und alleine oder mit einem Kind eine neue Immobilie in der Stadt suchen. Wegen dieses Trends nimmt die Zahl der Haushalte in Berlin seit Jahren zu - gleichzeitig werden Wohnungen knapp und die Mieten steigen deutlich.

Nach Angaben des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg ist die Zahl der Baugenehmigungen in der Region seit einem Jahrzehnt "im Sinkflug". Während Berliner Behörden im Jahr 2000 noch über 5800 neue Wohnungen genehmigten, waren es im vergangenen Jahr nur noch etwas mehr als die Hälfte: 2959. Insgesamt wurden dem Verband zufolge seit dem Jahr 2000 rund 38200 Wohnungen genehmigt - obwohl in dieser Zeit fast vier Mal so viele zusätzliche Haushalte neu gegründet wurden: Rund 166 000 zählte das Statistische Landesamt.

Für zusätzlichen Druck auf den Wohnungsmarkt sorgt die große Beliebtheit Berlins in den alten Bundesländern und im Ausland: Städtereisende kaufen in Berlin gerne eine Zweitwohnung, weil sie öfter in der Stadt sind, um Ausstellungen oder Veranstaltungen zu besuchen. Viele dieser Wohnungen stehen dem Markt nicht mehr zur Verfügung.

Für Mieter in Berlin ist die starke Nachfrage nach Wohnungen in der Hauptstadt keine gute Nachricht: "Bei einem Mieterwechsel werden Wohnungen mit einem Aufschlag von zwanzig bis dreißig Prozent neu vergeben", sagte der Chef des Berliner Mietervereins Reiner Wild. Marktberichte des Maklerverbands IVD und der Berater von Jones Lang Lasalle bestätigen dies. Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hieß es dagegen, der Berliner Wohnungsmarkt sei nicht angespannt. Wer eine Wohnung suche, müssen nur in die Stadtteile ziehen, wo Immobilien leer stehen. Berlinweit hätten mehr als 100 000 Wohnungen zurzeit keinen Mieter, erklärt die Verwaltung.

Allerdings streiten die Experten über die Aussagekraft dieser Zahl. Laut Mieterverein stehen viele der Wohnungen dem Markt nicht zur Verfügung. "In der Innenstadt wird wieder mit Wohnungen spekuliert", sagt Wild. Diese Immobilien stünden leer, damit sie teurer verkauft werden können. Und der Bericht der landeseigenen Investitionsbank Berlin führt beliebte Wohnlagen wie das Umfeld des Kurfürstendamms, die Spandauer Vorstadt und begehrte Kiezlagen von Friedrichshain als "Leerstandsschwerpunkte" auf. Diese Wohnungen stünden leer, weil sie umgebaut, modernisiert oder verkauft werden sollen, und nicht mangels Mieter.

Bei den Regierungsfraktionen im Berliner Senat wird der Ernst der Lage in einer Stadt, in der 87 Prozent aller Menschen zur Miete wohnen, nun offenbar erkannt: Rot-Rot strebt eine Bundesratsinitiative zur Verhinderung der Mietenexplosion an. Zumal in einer Umfrage der landeseigenen Investitionsbank Berlin unter 1000 Unternehmern und Experten des Marktes die geringen Einkommen in Berlin in diesem Jahr als "dominantes Problem" genannt werden. Mit den wenigen neu gebauten Wohnungen in der Stadt lässt sich dieses Problem nicht lösen. Zumal es sich zu einem Gutteil um Luxusimmobilien handelt, die Firmen wie die "Prinz von Preußen Grundbesitz AG" für eine ausgesuchte Klientel entwickeln.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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