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Leben in der Werbeanzeige : Protest gegen Cola-Plakat an Fassade

In Prenzlauer Berg sollte ein Riesenposter Appetit auf eine kalorienarme Brause machen. Die Mieter waren wenig begeistert: Bei Sonnenlicht war es in den Wohnungen dunkel, in der Nacht wiederum taghell. Jetzt tut Coca-Cola plötzlich alles leid und reagierte noch am frühen Abend.

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Es werde Licht. Am Mittwoch fotografierten Berliner und Touristen noch die Fassadenkletterer, die den Werbeslogan zur Entschuldigung umklebten. Wegen des Plakates für Coca-Cola hatte Fernando Rossi (o.r.) tagelang eine verhängte Sicht. Noch am gestrigen Abend wollte der Softdrinkkonzern das umstrittene Poster an der Danziger Straße 2 abhängen. Fotos: Georg Moritz
Es werde Licht. Am Mittwoch fotografierten Berliner und Touristen noch die Fassadenkletterer, die den Werbeslogan zur...Foto: Georg Moritz

Draußen bricht gerade die Sonne freundlich zwischen den grauen Wolken hervor, da schaltet Fernando Rossi das Licht an. Strahlend hell ist in seinem verschatteten Wohnzimmer nur der Computerbildschirm, auf dem er mit Freunden und Sympathisanten aus der ganzen Welt über Facebook kommuniziert. Der Altbau in der Danziger Straße 2 in Prenzlauer Berg ist seit knapp einer Woche mit einer riesigen Werbung verhangen. Draußen sieht man jetzt Schattenfiguren herumturnen. Es sind Höhenkletterer, die das riesige Werbeposter teilweise überkleben. Vorher stand da neben einer etwas freakig aussehenden Frau auf einer Mülltonne der Slogan: „Tut mir nicht leid.“ Jetzt werden die Lettern auf dem Plakat für den kalorienarmen Softdrink Coca-Cola light überklebt: „Tut uns leid.“

Fast könnte man meinen, es sei eine von langer Hand genau so eingefädelte Marketingaktion. Säße nicht am Holztisch des 31-jährigen Rossi auch ein Vertreter von Coca-Cola-Deutschland, der sichtlich um Ausgleich bemüht ist. „Es tut uns wirklich leid“, sagt Kommunikationsmanager Thorsten Sperlich. „Wir haben die Werbefläche legal von einem Anbieter gemietet und wollten solche unangenehmen Folgen für die Mieter nicht.“ Deswegen ließ der Konzern das Plakat noch am frühen Abend wieder abhängen.

Bis dahin hat der Softwareentwickler Rossi gelitten, seit das auf ein dünnmaschiges Riesennetz gedruckte Poster vor seiner Wohnung hing. „Tagsüber müssen wir das Licht anmachen, und die Nacht wird dann zum Tag, weil das Poster so grell angestrahlt ist und die Scheinwerfer bis in die Zimmer leuchten.“ Rossi hat selbst mal in der Werbebranche gearbeitet, er hat ja auf gewisse Weise Verständnis – die Entschuldigung des Unternehmensvertreters beim persönlichen Besuch nimmt er an. Aber Rossi wäre kein Internetkenner, wenn er nicht zugleich die Facebook-Protestseite „We're living in our own private Coke Ad“ („Wir leben in unserer eigenen privaten Coke-Werbung“) angelegt hätte. Da hatten sich bis Mittwochnachmittag mehr als 250 Nutzer als „Freunde“ registriert.

Spruchreif. Erst wurde für Genuss ohne Reue geworben. Dann wurde die Werbung zur Entschuldigung.
Foto: Georg Moritz

Außerdem hat der Mieter mit Künstlernamen „Nando Rossi“ auf der Internetplattform für Petitionen namens „change.org“ für seine Kampagne „Coca Cola: Pack deine Werbung vor unseren Fenstern ein!“ Unterschriften gesammelt: Bis Mittwochmittag waren es schon 100. Viele der Facebook-Freunde und Petitionen-Unterzeichner leben in den USA, in Brasilien, Italien. Denn Rossi, der wegen seiner Freundin nach Berlin gezogen ist, hat einen italienischen Pass und in Italien viele Bekannte. Und er hat jahrelang in Chicago gelebt und dort in der Kreativszene gearbeitet, etwa die Handy-App für den Newcomer-Star Nicki Minaj entwickelt. Deshalb unterhalten sich in Rossis Wohnung mitten im Szenekiez, den das Softdrinkunternehmen extra wegen der Zielgruppe für das Plakat ausgewählt hat, alle auf Englisch. Das Entschuldigungsschreiben, das Coca-Cola-Sprecher Sperlich im Hausflur aushängt, ist aber auf Deutsch: „Die Werbefläche an Ihrem Haus ist ohne Einschränkungen für werbende Unternehmen anzumieten. Ihr Vermieter bekräftigt, dass Sie über Beeinträchtigungen informiert wurden. Dennoch verstehen und respektieren wir Ihren Unmut.“

Fernando Rossi sagt aber, es habe keinerlei Ankündigung des Vermieters gegeben, dass das Poster bis Ende Februar hängen soll. Der Vermieter war am Mittwoch nicht zu erreichen. Rossi kommt es komisch vor, dass das Gerüst ausgerechnet vor dem Winter aufgestellt worden sei. Im Dachgeschoss werde gebaut, doch es seien kaum Arbeiter zu sehen gewesen. Dafür wurde daran das Plakat anlässlich der Kampagne für 30 Jahre Coke light befestigt. Das Motiv stammt übrigens aus dem um die Ecke in Friedrichshain gedrehten Musikvideo fürs Fernsehen und fürs Kino von der schwedischen Elektropop-Chart-Band Icona Pop („I love it“).

Der Getränkekonzern, der über seine Social-Media-Auswertungsdienste vom Protest erfuhr, stellte als Entschuldigung noch Getränke in den Flur. Da traute sich aber keiner ran. Ein Nachbar sagt, wenn der Vermieter Mietminderung gewährt hätte, hätte er ja mit sich reden lassen. „Um 19 Uhr hatten wir alle wieder freie Sicht auf die Straße“, sagte Rossi abends. Er ist erstaunt, dass auch den Deutschen mit ihrem Perfektionsdrang wie bei dieser Kampagne nicht alles immer perfekt gelinge. Und er lobt die Berliner aber auch, wenn er sagt, in anderen Ländern wäre das Plakat sicher schon von aggressiven Zeitgenossen zerschnitten worden. Abends beschlichen ihn indes erneut Zweifel, ob es bei einem so professionell agierenden Weltkonzern tatsächlich solche Mängel im Detail geben könne - oder ob es nicht vielleicht doch eine eingefädelte Aktion war? Wie auch immer, sagt Fernando Rossi, er hoffe, dass nicht gleich der nächste Werbekunde sein Zuhause verdunkelt.

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