• Leben in Fülle: Wieso das Brandenburger Tor ein Symbol für das christliche Osterfest ist

Leben in Fülle : Wieso das Brandenburger Tor ein Symbol für das christliche Osterfest ist

Der Erzbischof von Berlin darüber, wie wir Deutschen uns schon so sehr an die Einheit und die frohe Botschaft von Ostern gewöhnt haben, dass wir oft gar nicht mehr die Freude darüber zu empfinden vermögen.

Rainer Maria Woelki
Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki.
Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki.Foto: dapd

An einem dieser strahlenden sonnigen Tage Ende März, die schon wie eine Verheißung von Ostern auf mich gewirkt haben, mit den ersten Blüten an Blumen und Bäumen, dem lebhaften Gezwitscher der Vögel, hatte ich die seltene Gelegenheit, inmitten der vielen Menschen in den späten Nachmittagsstunden auf der Allee Unter den Linden zu spazieren. Und als ich durch das Brandenburger Tor in Richtung der Siegessäule blickte, schaute ich – zumindest für einen Augenblick – durch das Tor in die Sonne. Mir ist bisher in unserer Hauptstadt kein Bild begegnet, das besser passen würde für das Osterfest: Mitten im Herzen dieser Stadt ist dies ein gutes Bild dafür, was wir Christen Ostern feiern: das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.

Für viele Menschen ist das Brandenburger Tor Symbol für ein neues Leben geworden – für den Weg in die langersehnte Freiheit, für den Weg in die Wahrheit, für den Weg zu einem neuen Leben. So wie das Brandenburger Tor Zeichen für das Freiheitsstreben, das Wahrheitsstreben, das Lebensstreben, für die Hoffnungen vieler Menschen geworden ist, so ist auch die Auferstehung Jesu Christi – dieses Geheimnis unseres Glaubens – zu unserem Tor zum ewigen Leben, zum „Leben in Fülle“ geworden. Vielleicht stellt für den heutigen Menschen das Bewusstsein davon, dass das Leben mit dem Tod nicht endgültig zu Ende ist, eine der größten Herausforderungen dar. Denn diese Gewissheit besitzen wir alle: Jeder von uns wird einmal sterben.

Doch die Liebe des Vaters hat in die Mauern des Todes Risse geschlagen, mit der Auferweckung Jesu Christi sind die Mauern des Todes niedergerissen worden. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, so sagt Jesus im Johannes-Evangelium. Damit ist kein isoliertes Leben gemeint. Es ist Leben mit und für andere.

Die Welt gedenkt der Kreuzigung Jesu
Auf der ganzen Welt wird Karfreitag an die Kreuzigung von Jesus Christus erinnert - oft mit Prozessionen, in denen die Kreuzigung Christi nachgestellt wird. So durchleidet auch in Lima ein Schauspieler für die Gläubigen die Qualen Jesus am Karfreitag erneut.Weitere Bilder anzeigen
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06.04.2012 09:15Auf der ganzen Welt wird Karfreitag an die Kreuzigung von Jesus Christus erinnert - oft mit Prozessionen, in denen die Kreuzigung...

Was wir Ostern feiern – die Auferstehung Jesu Christi – ist somit nicht nur ein Ereignis längst vergangener Tage, ein verstaubtes Kapitel in der Weltgeschichte, sondern eine Wirklichkeit, die einen jeden von uns betrifft. So wie das Brandenburger Tor mittlerweile nur noch für Touristen interessant ist, weil wir uns schon so sehr an die Einheit in Deutschland gewöhnt haben, so haben wir uns womöglich auch schon an die frohe Botschaft von Ostern, von der Auferweckung gewöhnt, dass wir oft gar nicht mehr die Freude darüber zu empfinden vermögen.

Dabei ist die Auferweckung Jesu Christi ein Verweis auf Gott, ein Tor, durch das wir schreiten können; im Glauben, dass uns auf der anderen Seite des Tores Gottes barmherzige Liebe, seine Hand erwartet, der wir uns anvertrauen können. Erst im Licht von Ostern sind die Widrigkeiten unseres Lebens mit ihrer bisweilen todbringenden Kraft nicht mehr endgültige Sieger.

Es gibt sie ja, die Mauern des Todes. Ich habe in den wenigen Monaten, seitdem ich in Berlin bin, manche kennengelernt: jahrelange Arbeitslosigkeit, die Menschen jegliche Hoffnung auf einen Neuanfang raubt, Hartz IV schon in der zweiten Generation, Einsamkeit, unheilbare Krankheit, zerbrochene Beziehungen, der Verlust geliebter Menschen. All das gibt es nach wie vor, doch die Auferstehung Jesu Christi sagt: Er ist das Licht, das Licht am Ende des Tunnels, so vieler Tunnel hier auf Erden. Ein Licht, in dem unsere Erfahrungen nicht zerstört, sondern aufgehoben, geborgen und vollendet werden, wo das Leben im Letzten eine Wende zum Guten nimmt, wie es im Johannesevangelium heißt. Dies ist keine billige Jenseitsvertröstung, keine Illusion, sondern eine Hoffnung, die wirklich trägt. Auch wenn alles vergeht, „die Liebe bleibt“, schreibt Paulus den Korinthern; die Liebe, die in Jesus Christus den Tod überwunden hat.

Die Auferweckung Jesu Christi ist das größte und tiefste Wunder unseres christlichen Glaubens! Ostern ist eben mehr als das Aufgebot von Osterhasen, -küken und -lämmern, die uns schon Monate vor dem eigentlichen Fest tagtäglich in den Geschäften und in der Werbung begegnen können; häufig bis zum Überdruss.

Ostern ist ein Angebot, das für alle Menschen gilt: Diejenigen, die in diesen Tagen durch das Sakrament der Taufe neu in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden; diejenigen, die in der Kirche beheimatet sind oder noch in ihr ihren Ort suchen, aber genauso für diejenigen, die zweifeln, fragen und nach Gott suchen. Christus ist wirklich auferstanden! Alleluja!

Und das dürfen wir feiern. Das Fest ist ein Angeld des Himmels, bereits hier auf Erden; Teilhabe an dem, was uns auf der anderen Seite des Tores erwartet, wenn wir Gott treffen. Wir haben Zeit zum Feiern, einen Feiertag extra und zwei Wochen Osterferien. Doch es wäre schade, wenn wir uns an Ostern zwar erholt, aber nicht gefeiert haben. Wenn wir Ostern feiern, dann kann es für uns zu einem Anlass werden, über den Sinn unseres Lebens erneut nachzudenken, ob wir nicht etwas wirklich Wichtiges verpassen und endgültig verlieren, was wesentlich und schön ist. „Christos anesti, Christus ist auferstanden“ – das ist in Griechenland die übliche Begrüßung an den Ostertagen. Diese Gewissheit und die Heiterkeit des Herzens wünsche ich uns allen.

Der Autor ist Erzbischof von Berlin

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