Leben mit Hartz IV : Den Speiseplan bestimmen die Sonderangebote

Familie Brinca hat sechs Kinder und lebt von Hartz IV. In ihrem Alltag dreht sich fast alles ums Thema Sparen.

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Der Vater musste weinen, als er das erste Mal zur Ausgabestelle „Laib und Seele“ der Berliner Tafel in Tempelhof ging. Er weinte, weil er sich schämte, und weil er Angst hatte, gesehen zu werden von Bekannten, wie er die vergünstigten Lebensmittel einpackt. Das war vor eineinhalb Jahren. Mittlerweile ist Milan Brcina (Namen geändert) dankbar, dass er dort einmal wöchentlich Lebensmittel kaufen kann. Für zwei Euro bekommt er Essen zugeteilt, je nach Anzahl der Spenden manchmal im Wert von 30 Euro, ab und zu für 80 Euro. Äpfel, Broccoli, Joghurt, gelegentlich auch Pilze – 200 Euro spart er so monatlich, sagt er.

Brcina und seine Lebensgefährtin Sabrina Klain beziehen Hartz IV, also Arbeitslosengeld II. Mit ihren sechs Kindern leben sie in einer Fünfzimmerwohnung in Schöneberg. Nach Abzug aller Kosten bleiben ihnen im Monat 1230 Euro zum Leben. Klain kommt damit zurecht, aber Brcina sagt: „Ich fühle mich erbärmlich.“ Denn Brcina würde seine Kinder gerne verwöhnen. „Die Söhne zu Prinzen machen, die Töchter zu Prinzessinnen“, sagt er. Mit einem Handy, mit Spielzeug, mit Süßigkeiten. Geld bringt Ansehen, sagt der 30-Jährige, aber er muss sparen. Eine schwierige Situation für den gebürtigen Serben, der aus wohlhabendem Hause stammt und früher mit dem Sportwagen zum Brötchenholen fuhr. Er ist froh, dass er sich ausleben durfte, sagt er. Vor sieben Jahren zog er mit seinen zwei Kindern von München zurück nach Berlin, wo er aufgewachsen war – der Liebe wegen. Freundin Sabrina, 32, hatte ebenfalls schon eine Tochter. Zusammen bekamen sie drei weitere Kinder.

Brcina machte sich mit einer Ich-AG selbstständig, er war Bauarbeiter und Renovierer. Die Arbeit lohnte sich jedoch kaum – sogar Hartz IV bringt mehr Einkünfte, sagt er. Er meldete sich arbeitslos. Auch Klain ist nach ihrem Studium der Sonderschulpädagogik und Sportwissenschaft arbeitslos gemeldet. Die Kinder von Klain und Brcina sind zwischen einem und zwölf Jahren alt. Von den Problemen der Eltern scheinen sie nichts mitzubekommen. Die achtjährige Alina liegt auf dem Boden und puzzelt. Steven, zwölf, schnappt sich den Fußball und geht mit Kumpels kicken. Gehänselt werden sie in der Schule nicht, sagt die Familie, sogar auf Klassenfahrten können sie mitfahren: Die bezahlt das Amt. „Den Kids ist nicht bewusst, dass wir weniger Geld haben als andere“, sagt Klain und wischt der einjährigen Jenny Marmelade vom Mund. Die Eltern haben andere Erfahrungen gesammelt: „Wenn man sechs Kinder hat und arbeitslos ist, wird man schnell als asozial abgestempelt.“ Direkt aussprechen würden es die Leute nicht, aber Brcina sagt, er sehe es in den Augen, merke es am Verhalten. Klain und Brcina versuchen, das Beste daraus zu machen. Auch mit den Kindern etwa könne viel unternommen werden, das nichts kostet: „Die Kinder brauchen vor allem Aufmerksamkeit“, sagt Brcina. Die achtköpfige Familie geht oft radeln, an den See statt ins Schwimmbad, Inlineskates fahren. Tiere sehen sie auf dem Bauernhof anstatt im Zoo, und sie genießen den neuen Park auf dem Gelände des früheren Flughafens Tempelhof.

Klain versucht, sich mit der Lebenssituation zu arrangieren. Sie spart überall, auch aus Prinzip, geht nicht in Kneipen, streicht Süßigkeiten für die Kinder, kocht selbst und verzichtet auf Fertigprodukte. Die Einkaufsliste wird anhand der Angebote der Discounter zusammengestellt, auf dem Dachboden lagern große Packungen Waschmittel aus dem Sonderangebot. Die Kleider kommen meist vom Flohmarkt. Da gebe es auch auch günstige Markenklamotten und Schuhe – so können die Wünsche der Kinder trotzdem erfüllt werden. „Und die Kinder lernen, mit Geld umzugehen“, sagt Klain. Computer haben die Kinder keine, sie nutzen die Laptops der Eltern.

Um etwas Geld hinzuzuverdienen, hilft Brcina Bekannten beim Renovieren oder Umziehen. Einen unterbezahlten Job will er nicht annehmen, einen guten findet er nicht. „Das Arbeitsamt hat doch gar kein Interesse, eine gute Arbeit zu vermitteln“, klagt er. Dennoch: Man müsse zufrieden sein, in anderen Ländern würde es Menschen in ähnlicher Situation viel schlechter gehen.

Klain will ab Herbst wieder arbeiten gehen, sie träumt von einer Teilzeitstelle als Lehrerin für Gehörlose. Wenn das klappen sollte, würde Brcina auch für einen geringen Lohn bei einer Leiharbeitsfirma arbeiten: „Hauptsache wieder Arbeit.“

Dann müssen sie sich die beiden nur noch auf die Hochzeit einigen. Klain will ihm in kleinem Kreis das Jawort geben, doch davon will Brcina nichts hören. In alter serbischer Tradition möchte er mehrere hundert Gäste einladen. Momentan, sagt er seufzend, könnten sie sich allerdings noch nicht einmal die abgespeckte Version leisten.

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