Leben nach dem Tod : Der Traum vom eigenen Weinberg

Das Programm des Kirchentags ist umfangreich. Doch Christen sprechen selten darüber, wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Ist ihnen dieser Teil ihres Glaubens peinlich?

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So stellte sich Michelangelo das jüngste Gericht vor. Das Fresko findet sich in der Sixtinischen Kapelle.
So stellte sich Michelangelo das jüngste Gericht vor. Das Fresko findet sich in der Sixtinischen Kapelle.Foto: Dnalor01,CC-BY-SA 3.0

Der Kirchentag, der am Mittwoch in Berlin und Wittenberg begonnen hat, bietet ein beeindruckendes Programm. Es gibt Diskussionsrunden zu Flüchtlingskrise, Umweltschutz und Geopolitik, es wird über barrierefreie Stadtplanung und die strukturelle Benachteiligung Hochbegabter gesprochen. Eckart von Hirschhausen erklärt die Korrelation von Humor und Glauben. Bloß ein Thema wird mal wieder ausgespart, und das ist schade, weil es doch alle Menschen betrifft: Wie werden wir nach dem Tod leben?

Dass es irgendwie weitergehe, zählt zu den zentralen Verheißungen des christlichen Glaubens. Seltsamerweise bleibt ausgerechnet diese Verheißung im Ungefähren. Auf Beerdigungen sagen Pfarrer gern über den Verstorbenen: „Dem geht es gut, der ist jetzt bei Gott.“ Das sind sicher Worte, die ausreichen, um ein Kleinkind über den Tod seines Haustieres hinwegzutrösten. Aber genügen sie Erwachsenen? Geht es nicht ein wenig konkreter?

Jesaja verspricht pflanzenfressende Löwen

Tatsächlich ist in der Bibel sehr anschaulich beschrieben, wie das jenseitige Leben aussieht. Jesaja berichtet davon, dass Menschen ein eigenes Stück Land besitzen, ein Haus bauen und einen Weinberg bestellen dürfen. Man begegnet dort nicht nur Gott, sondern auch bereits verstorbenen Familienmitgliedern und Freunden. Gegenseitige Weinbergbesuche sind erwünscht. Blinde können wieder sehen, Taube hören und Gelähmte fröhlich herumspringen. Auch die Tiere sind dann bei uns. Wolf und Schaf vertragen sich, Löwen werden Vegetarier sein. Die einzige Kreatur, die sich definitiv verschlechtern wird, ist die Schlange: Sie darf im Jenseits ausschließlich Erde fressen. Zum Glück ahnt sie noch nichts davon.

Moderne Theologen vermuten, die Beschreibungen Jesajas seien nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, Weinberg und Hausbesitz vielleicht nur Metaphern. Da sich die menschliche Seele zudem im Moment des Todes vom irdischen Körper löst und einen himmlischen annimmt, wissen wir nicht, mit welchen Sinnen wir das Jenseits wahrnehmen werden.

Gibt es Privatsphäre im Himmel?

Kommunizieren wir dann mit unseren Stimmen oder mit Gedanken? Können wir dort Menschen treffen, die 300 Jahre vor uns auf einem anderen Erdteil gelebt haben? Und gibt es Privatsphäre, wenn einer zwischendurch seine Ruhe haben möchte? Seltsamerweise tauschen sich Christen selten über solche praktischen Fragen aus. Als wäre ihnen dieser Teil ihres Glaubens peinlich. Als wäre es kindisch, sich seine Zukunft im Jenseits konkret auszumalen.

Buddhisten und Hindus haben es leichter. Sie wissen zumindest, dass sie nach dem Tod auf demselben Planeten wiedergeboren werden, als welche Spezies auch immer. Im Judentum existieren zwei konkurrierende Jenseitsvorstellungen: Hier gilt die Seele als unsterblich, dort stirbt sie und steht erst am Tag des Jüngsten Gerichts mitsamt ihrem Körper wieder auf. Kompliziert ist es mit den viel zitierten 72 Jungfrauen, die angeblich muslimischen Märtyrern versprochen werden. Der Koran berichtet tatsächlich von sogenannten „Huris“, die allerdings jedem guten Muslim zur Seite gestellt werden, egal ob Heldentod oder nicht. Was genau diese Huris sind und ob sie wirklich als Sexualpartner fungieren, ist jedoch umstritten. Ein deutscher Koranexeget behauptet, bei den Huris handele es sich gar nicht um Lebewesen, sondern um weiße Sultaninen. Statt ausuferndem Sex gebe es also bloß 72 getrocknete Weintrauben. Diese Deutungsvariante stößt in der islamischen Welt auf massive Ablehnung.

Die Erkenntnisse der Sterbeforscher

Das Leben nach dem Tod empirisch zu dokumentieren, haben seit den 1970er Jahren Sterbeforscher wie die Psychiater Raymond Moody oder Elisabeth Kübler-Ross versucht. Sie interviewten Menschen, die kurz klinisch tot gewesen waren, dann aber wiederbelebt wurden und von ihren vermeintlichen Jenseitserfahrungen berichten konnten. Blinde sahen wieder, Taube hörten, verstorbene Angehörige bildeten Empfangskomitees. Alles wie in der Bibel, nur Weinberge entdeckte niemand. Wissenschaftlich sind die Forschungen hoch umstritten, schon deshalb, weil die Befragten bloß klinisch, nicht hirntot waren. Andererseits dokumentierten die Sterbeforscher Fälle, die mit reinen Halluzinationen kaum zu erklären sind. Ein Mann traf während seiner Nahtoderfahrung seinen Zwillingsbruder. Bis zu dem Moment wusste er gar nicht, dass er einen hatte. Ins Leben zurückgeholt, recherchierte der Patient und erfuhr, dass er bei der Geburt von seinem Bruder getrennt worden war. Kritiker sagen, solche Geschichten seien entweder Zufall oder erschwindelt.

Der Wunsch, sich das Leben nach dem Tod in allen Details auszumalen, ist sehr verständlich und gar nicht kindisch. Die Deutsche Rentenversicherung verschickt regelmäßig Briefe, in denen sie die Höhe der später zu erwartenden Regelaltersrente verkündet. Wer in Urlaub fährt, informiert sich vorher, worauf er sich am Zielort freuen kann. Warum sollten sich Christen ausgerechnet über die größte Veränderung ihres Lebens keine Gedanken machen?

Ich stelle mir das Jenseits als nicht endendes Fest auf einer Sommerwiese vor. Alle laufen barfuß rum. Es gibt gutes Essen und gutes W-Lan, einen Whirlpool mit 24-Stunden-Betrieb, Zahnschmerzen sind abgeschafft, und Opa Alfred muss zeigen, ob er immer noch so ein schlechter Schachspieler ist.

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