Berlin : Leben zwischen den Stelen

Am ersten Tag besuchten schon Tausende das Holocaust-Mahnmal. Manche tobten sogar über die Steine

Lothar Heinke

Die ersten Besucher treten scheu, langsam und vorsichtig auf das seit sieben Uhr morgens von der Umzäunung befreite Gelände des Holocaust-Mahnmals. Ein Fernsehteam dreht das Noch-Nichts zwischen den Betonstelen, ein Mann verkürzt seinen Weg zur Arbeit, indem er sich durch die grauen Gassen schlängelt. Dann taucht eine erste Gruppe auf – Schüler, die ohne Zögern und wie selbstverständlich in das Labyrinth an der Ebert- und Behrenstraße laufen. Manche haben sichtlich Spaß, eine kleine Mutprobe abzulegen und von Stele zu Stele zu hüpfen.

Ab elf Uhr rollen die ersten Reisebusse an. Das Gelände füllt sich. Wer nicht auf den Steinklötzen sitzt, schlendert durch die langen Gänge und freut sich, Klassenkameraden oder Bekannten aus der Reisegruppe immer wieder an einer anderen Betonecke tief im Mahnmal zu begegnen. Manche scheinen das Denkmal als Abenteuerspielplatz mit Haschmich-Effekt zu verstehen, andere üben stille Andacht am ernsten Ort. Die dunkelgrauen Betonpfeiler empfinden die einen als Bedrohung, andere als ein großes Fragezeichen. „Ein Ort der Stille ist es nicht“, sagt Dietrich Schade, der unbedingt bei dieser „Premiere“ dabei sein wollte. Tatsächlich: Am ersten Tag kamen schon tausende Besucher. „Jeder kann hier dennoch seinen Gedanken nachhängen“, sagt seine Frau, „aber die authentischen Stätten sind trotz dieses Mahnmals unersetzlich“. Ein älterer Herr aus Fulda findet das Gelände „sehr beeindruckend“, allerdings sollte aller Opfer der Nazis gedacht werden: „Der Tod kennt keine Grenzen.“ „Es ist verwirrend“, sagen vier Mädchen einer 10. Klasse aus Bad Harzburg, „man soll empfinden, wie die sich damals gefühlt haben.“ Dies Gefühl stellt sich wohl so recht erst im „Ort der Information“ ein. Zuvor steht man vor einer Sicherheitsschleuse, dann an den Treppen zum unterirdischen Dokumentationszentrum – gestrige Wartezeit: 30 Minuten.

In den Boden gelassene Tafeln teilen (leider nur auf Deutsch) mit, was man nicht darf: Lärmen, Radio spielen, lagern, klettern, springen, in Badesachen sonnen, Hunde, Fahrräder und Skateboards mitbringen, Alkohol trinken, grillen. Security-Leute haben ein waches Auge, verwehren das Hüpfen, „aus Sicherheits- und Pietätsgründen“. Die Mahnmal-Stiftung findet die „Volksfeststimmung“ ganz in ihrem Sinne. Gestern wurde heftig auf, neben und zwischen den Stelen fotografiert, der Steinwald ist voller Motive: Ein betendes Ehepaar. Rosen auf den Stelen. Und Steinchen, wie auf einem jüdischen Grab.

Was wird eine amerikanische Radioreporterin ihren Hörern sagen? „Ich finde es einfach brillant!“

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