Berlin : Lebensblut

Rainer Woratschka

Ein Junge erkrankt, vierjährig, an Leukämie. Seine Mutter, eine holländische Journalistin, schreibt ein Buch darüber. Fremdes Leid, das kennt man, das will man nicht lesen. Vielleicht doch: „Normal war gestern“ ist ein eigenartiges, unerwartetes Buch ohne Sentimentalität und Selbstmitleid. Nicht Betroffenheitsliteratur, sondern staunende Analyse einer sich radikal verändernden Welt.

Aleid Truijens erzählt, was Toms Kampf gegen die Krankheit aus den Eltern macht, aus ihrer Beziehung, ihrem Denken und Empfinden. Wie sie die Hilflosigkeit und den Rückzug der Freunde zu hassen beginnen. Wie sie sich einlassen auf die Klinikmaschinerie, das zynische Berechnen von Überlebenschancen, das zermürbende Wechselspiel von Hoffen und Hadern. Wie sie die Tochter emotional vernachlässigen und es erst merken, als sie freudestrahlend auch einen Armbruch vorweisen kann. Und wie sie feststellen, dass einem alles Leid um einen herum egal wird angesichts der eigenen Katastrophe. Ohne sich selbst wichtig zu nehmen, kreist die Autorin um alles, was wichtig ist. Keine Ausflüchte mehr, keine Maskeraden, es geht jetzt um Leben und Tod. Was um Himmels willen ist sinnvoll am Krebstod von Kindern?

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Truijens’ Erfahrungsbericht von der Rückseite des Lebens ist hart in manchen Passagen, lakonisch, sperrig. Die Mutter kämpft mit sich und der neuen Welt, sie verhärtet, wagt es aber auch, über das zu räsonieren, was sie „Krankheitsgewinn“ nennt: Zeitlupenleben, Intensität, Dankbarkeit.

Aleid Truijens: Normal war gestern. Roman. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Nagel & Kimche, Zürich.

156 Seiten, 14,90 €.

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