Lebensgefühl in Berlin : Polarstern

20 Nachwuchsautoren treffen sich am Wochenende im Haus der Berliner Festspiele. Ausgewählt wurde auch ein Text unsers Autors Max Deibert. Ein Auszug.

Max Deibert
„Ich finde Sterne geil“, sagt er. „Warum?“, sie fixiert seine geröteten Augen.
„Ich finde Sterne geil“, sagt er. „Warum?“, sie fixiert seine geröteten Augen.Foto: Imago

Der Zutritt zum Dach des „Passion“-Clubs ist mit einem Meter Hanfseil halbherzig versperrt. Man muss nur einmal das Bein ausstrecken, um drüberzusteigen. Die Brandschutztür am oberen Absatz ist nie verschlossen. Freie Bahn den Tüchtigen.

Die Gestalt sitzt an der äußersten Kante des Daches wie Batman, der mit Röntgenblick über die Stadt wacht. Nur dass sie ihre Füße baumeln lässt. Die Hacken stoßen im Takt von „Summer“ gegen den Beton. Sie trägt weiße Federn am ganzen Körper wie ein Schwan. Nein, wie ein Rabe. Ein weißer Rabe mit grün gefärbten Haaren. Sehr alternativ. Sozusagen ein Indie-Rabe, der zu Indie ist, um mit Artgenossen abzuhängen. Wie ein Mainstreamer außerhalb des Streams. Kein Schwan. Definitiv kein Schwan.

"Sprich mal richtig, Alter"

Sein Auftritt. Mit schlurfendem Gang betritt er das Dach – so, voll chillig. Der Hintern zur einen Hälfte vom XXL- H&M-T-Shirt bedeckt. Hinter ihm fällt die Tür von selbst ins defekte Schloss. Er: „Was geht.“ Sie löst ihren Blick von den Gaslaternen vier Stockwerke tiefer und wirbelt herum, wobei sich ein paar Federn von ihren Flügeln lösen. Einige schweben vom Dach, andere tanzen um ihre nackten Füße, bevor sie Richtung Straße schweben.

Sie: „Ist das der unbeholfene Versuch, eine Konversation mit mir anzustoßen, oder erwartest du, dass ich geschüttelt von Leidenschaft auf die Knie gehe?“ Er: „Sprich mal richtig, Alter.“ Dabei schmeißt er sich in Pose – den Schirm der Cap nach oben, genau wie das Kinn, die Hose noch ein Stück weiter nach unten. Voll auf leger-potentes Dominanzverhalten.

„Smalltalk also“, krächzt sie, bemerkt nicht, wie sich weitere Federn vom Rücken lösen. „Wovor hast du Angst im Leben?“ Er, nicht mehr ganz so chillig: „Äh, Fuck Alter, na Tod und so. Sie schreit auf. Ihre Rabenaugen leuchten gelb vor Abscheu. Sie spuckt auf den Boden zwischen den getrockneten Urin von Mate-Wodka-Fans.

"Los, gib mir Hoffnung"

„Wie kannst du es wagen?“, krächzt sie, „Tod?! Angst vor Gegensätzen ist überholt. Rassismus, Antisemitismus – alles immer wieder durchgelutscht, ausgekotzt, weitergekaut ... Ich will deine größte Angst hören!“ Sein Kopf juckt unter der Cap. Er kratzt sich auf Höhe des New-York-Yankees- Wappens und verfilzt dabei seine Haare unter dem Polyester. Aus dem Treppenhaus hinter ihm dringen Geräusche. Stöhnen und das rhythmische Klackern einer Gürtelschnalle. Gefangen. „Bock aufn Joint? Du hast’s nötig, Alter.“

„Welche Pflanze?“ „Tutti Frutti, zieht mega an. Aber geh mal weg vom Rand, is’ gefährlich.“ Sie starrt einen Moment durch ihn hindurch. „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Los, gib mir Hoffnung.“

Er verschließt das Ende seiner Tüte wie ein Bonbonpapier. Dann kramt er aus seiner Hosentasche auf Kniehöhe ein Feuerzeug hervor. Ein schwarzes Aux Kabel klammert sich an seine Finger. Er zündet den Joint an. Die Tüte fängt Feuer, aber er bläst die Flamme behutsam aus und nimmt einen Zug.

"Er sieht schutzlos, jung aus"

Eine einzelne Feder tippt gegen die Spitze seines Vans Slippers, ohne dass er es bemerkt. „Wovor hast du selber bitte qualitativ Schiss? Vielleicht fällt mir dann auch was ein.“ „Ich fürchte mich, durch die progressive Kastrierung aller individuellen Ansätze, in einer Gesellschaft, die jeden Gedanken uneingeschränkt teilt oder bis zur Unerträglichkeit weiterführt, unterzugehen. Ich kann kein Waldsterben mehr verurteilen, ohne mich selbst als anbiederndes Arschloch wahrzunehmen.“ „Ja Mann, hab’ ich auch schon drüber nachgedacht“, lügt er so, voll chillig. Sie fährt auf, schlägt mit den Flügeln um sich. „Nein, hast du nicht!“

Der Luftdruck fegt ihm die Cap vom Kopf. Er sieht schutzlos, jung aus. Mit halb offenem Mund starrt er sie an, wie sie mit ausgebreiteten Flügeln dasteht, den Rücken zum Abgrund. Der Joint klebt an seiner Unterlippe. „Alter, du siehst aus wie ein Schwa...“

„Wehe“, unterbricht sie ihn. „Nee chill, mehr wie ein Rabe oder so. Aber warum hast du weiße Federn?“ „Aus meinem Exkurs über Individualität in der modernen Gesellschaft hast du gar nichts mitgenommen, oder?“ Sie lässt sich resigniert zurück auf die Kante fallen. „Ey pass bloß auf, Alter“, raunt er und hebt die Cap auf. „Weißt du, ich hab keine Angst, selber zu sterben, scheiß mal auf Leben, sondern dass andere draufgehen.

"Es gewinnt Oberhand"

Sie blickt auf: „Wusstest du, dass manche Menschen sich extravagant kleiden, um andere zu täuschen, und manche, um sich selbst zu täuschen?“ Sie hält inne und schließt die Augen. „Das klingt wie der Spruch auf einer Postkarte für ein Poesiealbum oder so ähnlich. Genau das meine ich, es gewinnt Oberhand.“

Sie wendet sich ab und starrt auf die Gaslaternen. Die Schatten ihrer herabsinkenden Federn schleichen über den Gehweg. Sie hört ein lauter werdendes Schlurfen, dann ein Plumpsen. Er hat sich neben sie gepackt. „Mal ziehen?“, er hält ihr den Joint hin. Seine Fingernägel sind bis zum Fleisch abgenagt. Sein Atem kitzelt ihr in der Nase: Kräutersoße mit extra Zwiebeln. Sie blickt weiter stur nach unten: „Was liebst du am meisten im Leben?“

"Smalltalk ist richtig psycho"

„Alter, dein Smalltalk ist richtig psycho. Frag mich doch mal nach meiner Lieblingsfarbe oder so. Was Normales halt.“ „Es gibt schon zu viel Normales in unserem Leben. Normalität ist das siedende Gift, das unsere ...“ „Grün. Grün, aber wie Gras. Wie bei den Tutti-Frutti-Blüten. So in der Mitte, weißt du? Und deine?“ „Schwarz.“ „Wie witzig.“ „Warum?“ „Alter, du hast überall weiße Federn, aber du feierst schwarz. Das ist doch irgendwie witzig.“

„Es ist ein Trugschluss, anzunehmen, dass das, was eine Person im öffentlichen Rahmen zur Schau stellt, zugleich ihren individuellen Neigungen entspricht. Man redet immer von der Freiheit der Jugend – wo war diese Freiheit, als ich zur Welt kam? Ich, das Baby, war während der prägendsten Phase meiner Entwicklung den Neigungen und Wünschen der vergesellschaftlichten Sexbestien ausgesetzt, die mich zeugten. An welcher Stelle kam die Frage: Möchtest du in diese Gesellschaft geboren werden?“

"Bist du auf E?"

Er rückt näher an sie heran, so voll chillig. Federn bleiben an seiner Hand hängen, die nach ihrer sucht. „Eigentlich ist es voll entspannt, dir zuzuhören. Du klingst nur immer so aggro zum Ende hin. Bist du auf E?“ „Was liebst du am meisten im Leben?“, wiederholt sie und schlägt seine Hand zur Seite.

„Ähm o. k., das klingt jetzt ein bisschen schwul, aber du hast ja keinen Bock auf normale Antworten. Ich finde Sterne geil. Natürlich auch meine Familie und so Standardscheiß, aber Sterne sind schon echt krass.“„Warum?“, sie fixiert seine geröteten Augen.

„Mann, keine Ahnung, ich hab da noch nie drüber geredet. Ich finde die Vorstellung krass, dass die irgendwie alle gleich aussehen, man trotzdem welche wiedererkennen kann. Polarstern und son Scheiß. Bisschen wie im Real-Life. Alter, dich würde ich zwischen Tausenden finden. Vielleicht auch weil du son bisschen psycho bist.“

"Die Räbin greift seine Hand"

Sie blickt ihn weiter unverwandt an. Nur seine Augen, nicht die Cap, die Haarfransen, das Kreuzberg-36-Tattoo am Hals. Er spuckt vom Dach. „Lass mal gehen, ich glaube, die sind fertig mit Bumsen“, er nickt Richtung Treppenhaus. Die Türklinke vibriert vom Bass, Johlen und Kreischen zwischen immer gleichem Wummern. In einer fließenden Bewegung stehen beide auf. Die Räbin greift seine Hand.

„Besser wird es nicht. Nicht für uns.“ Auf dem Bürgersteig hat sich neben der Gaslaterne ein Ring aus Federn, fast wie ein Nest, gebildet. Ein Spucketropfen leuchtet silbern in der Mitte. 4 Stockwerke runter so, voll chillig.

Max Deibert, 20, ist Student und Tagesspiegel-Autor. Er schreibt für den Berlin-Teil und regelmäßig für den Jugendblog. Sein Text wurde aus 1642 Beiträgen von 715 Bewerbern bundesweit ausgewählt.

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