Berlin : Lebenslänglich

Zsanett kam nicht mehr und sie rief auch nicht an. Ihr Stiefvater macht sich auf die Suche nach der jungen Frau. Eine Spur führt in die Kurfürstenstraße

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Der 2.März 1996 ist ein Sonnabend und lausig kalt wie der ganze Winter. Der Himmel verhangen, die Luft klamm vom Nordwind und schwer vom Winterdreck. Aber für Zsanett ist es ein schöner Tag. Zsanett Schreckenberg hat einen Brief bekommen, der ihr Leben auf die Reihe bringt. Sie kann noch im März bei der HundeRettungsstelle mit der Ausbildung anfangen. Ein Traum! Der Stress mit den Eltern ist vorbei, seit sie achtzehn ist und ihr das Jugendamt eine kleine eigene Wohnung in Wedding besorgt hat, wo sie in Ruhe mit ihren zwei Hunden leben kann, nicht weit von ihrer besten Freundin Nicole. Sie ist frisch verliebt in Dirk. Und neulich hat sie sich ein neues Image verpasst: Ab mit den langen braunen Haaren, ein paar kecke blonde Strähnen in den Bubikopf – cool. O.K., das Blond ist etwas orangig geraten. Aber die Stiefel, die sie mit Nicole gekauft hat, sind geil. Und der rot-violette Pullover auch. Es geht bergauf. Mit diesem Lebensgefühl verlässt sie morgens Dirks Bett, fährt zu ihren Hunden, telefoniert mit den Eltern, über die Lehrstelle, über ihren kaputten Fernseher, und abends will die Clique sich treffen. Das Leben ist schön. Endlich. Aber noch vor dem Sonntag ist es zu Ende.

Sonntag ist der letzte normale Tag in Barbara Kochs Leben. Montag ist sie mit ihrer Tochter verabredet. Seit Zsanetts Auszug verstehen sie sich wieder wie früher, telefonieren oft, sehen sich mindestens einmal die Woche. Erst Sonnabend, da hatte Franko Zsanett einen Fernseher angeschlossen. Franko ist Barbaras zweiter Mann. Als kleine Familie sind sie zusammen aus der DDR ausgereist, im Juli 1989, kurz bevor die Mauer aufgeht. Kurz vor Weihnachten bekommen sie eine Wohnung in Reinickendorf. Franko findet eine Stelle als Dreher, Barbara in einer Zigarettenfabrik. Zsanett ist zwölf.

Barbara Koch, heute 43, ist eine große schlanke Frau mit braunen Locken. Herzlich und temperamentvoll. Sie spricht das weiche, warme Sächsisch, bei dem einem sofort Michael Ballack einfällt. Sie lacht gern. Aber es geht immer noch nicht wieder oft. Seit dem März vor acht Jahren liegt eine düstere Wolke auf ihr. Aus dem Nichts schießen ihr Details und Fragen in den Kopf und klumpen sich so zusammen, dass ihr der eigene Körper nicht mehr gehorcht und ihr alles im Hals stecken bleibt. Oder die Angst wie eine Welle über sie hinwegrollt, „eine ganz kranke Angst“. Sie hat alles minutiös im Kopf. „Zsanett kam nicht. Und sie rief auch nicht an.“ Das ist nicht ihre Art. Barbara ruft bei ihr an. Niemand nimmt ab. Auch Franko versucht es. Montag, Dienstag, immer wieder. „Und auf einmal war besetzt!“

Franko Koch ist drei Jahre älter als seine Frau. Ein liebevoller leiser Mann mit braunem Meckischnitt. Zu hager für seine Größe, aber bodenständig und zupackend. Sie haben beide trotz allem etwas Kraftvolles, Vitales. „Da war man natürlich beruhigt“, beschreibt er den Anfang der psychischen Achterbahn. „Zsanett hat ja gern und stundenlang telefoniert.“

„Aber dann waren es bloß die Hunde! Die hatten den Hörer abgerissen!“ – „Ja“, sagt Franko. „Die haben da gewütet, die waren ja zwei Tage lang allein in der Wohnung.“

Das erfahren sie erst Mittwoch. Dienstagabend halten sie es nicht mehr aus. Zsanett würde nie nie nie ihre Hunde vernachlässigen. Sie gehen zu ihrem Polizeiabschnitt. „Das war schlimm, der Beamte hat bloß komische Bemerkungen gemacht“, erzählt Barbara. „Erst als ich ihm das mit den Hunden erklärt hab“, sagt Franko, „hat er sich breitschlagen lassen, eine Vermisstenanzeige aufzunehmen.“

Franko wird aktiv. Mittwoch nimmt er ein Foto von Zsanett mit zur Arbeit, retuschiert die Frisur zurecht – es gibt noch kein neues Bild – und bastelt eine Suchmeldung. Die verteilt er in Zsanetts Gegend. Dann meldet sich Nicole bei Barbara. Ein paar aus der Clique hatten Sonnabend nachts die Polizei angerufen, weil Zsanett nicht gekommen war und auch nicht angerufen hatte. Die Eltern wollten sie erst einmal nicht unnötig aufregen. Aber jetzt hält es Nicole nicht mehr aus. Von ihr erfährt Barbara etwas Schockierendes, von dem sie nichts ahnt: Zsanett hat angeschafft. So ab und zu. Wenn sie Geld brauchte. Für die Hunde vor allem. Ein Rottweiler und ein Staffordshire fressen ohne Ende.

Tiere sind Zsanetts Leben. Früher wollte sie zu den Polizeireitern, dazu hätte sie allerdings in der Schule etwas weniger faul sein müssen, sagt Barbara Koch, „denn dumm war sie nicht“. Sie hat aber nach dem Hauptschulabschluss keinen Bock mehr. Disziplin und Durchbeißen sind was für alte Leute. „Bloß, man kann doch nicht immer mit dem Kopf durch die Wand.“ Als Kind hätte Zsanett am liebsten einen ganzen Zoo zu Hause gehabt. Barbara nicht. Also war der kleine Dickkopf mal abgehauen und nach drei Tagen reumütig wieder da gewesen. Man tut seinen Eltern nicht so weh. Sind ja eigentlich lieb. Nerven halt. Ist normal.

„Wieso ist sie nicht zu uns gekommen, wenn sie Geld brauchte?“, grübelt Barbara Koch immer noch. „Ich hab ja früher auch dies und das ausprobiert, aber auf so eine Idee – ich wär Zeitungen austragen gegangen oder putzen.“ Nicole erzählt von der Kurfürstenstraße und dass Zsanett sich hinterher schmutzig fühlte und stundenlang duschte. Eine richtige Professionelle mit Handwerkerstolz wäre sie wohl nie geworden. Sie ist nicht einmal drogensüchtig genug, um auf einem Junkie-Strich enden zu müssen. Sie ist einfach ein eigensinniges wildes Kind. Leider keins von reichen Leuten. Ihren anarchischen Drang hat niemand als Zeichen besonderer Begabung genommen und extra gefördert. Für die ungezähmten Kinder kleiner Leute hat unsere reiche Gesellschaft nur ein paar Institutionen zur Schadensbegrenzung übrig. Und auch die werden immer weniger.

Franko Koch fährt zur Kurfürstenstraße, fragt die Mädels dort, klappert Diskos und Puffs ab, will sogar selbst einen Job als Türsteher annehmen. „Wir hatten ja immer noch Hoffnung, dass sie vielleicht gewaltsam festgehalten wird, bei irgendeinem Freier oder wegen Schulden.“ Von verschwundenen jungen Frauen aus der Kurfürstenstraße war in letzter Zeit doch öfter mal die Rede. „Jeden Abend war ich da. Bis wir erfuhren, dass wir nun nicht mehr zu suchen brauchen.“

Gut drei Wochen dauert die bange Hoffnung. Kurz vor Ostern meldet sich die 5. Mordkommission. Kriminaloberkommissar Ingo Kexel ist seit 1994 vor allem mit dem Mordfall Sabrina Graf beschäftigt. Von ihr waren Leichenteile auf Autobahnraststätten außerhalb Berlins gefunden worden. Aber auch „Aktenzeichen XY“ bringt die Ermittlungen nicht weiter. Und von der Kurfürstenstraße sind noch drei junge Frauen entweder verschwunden oder man findet Leichenteile von ihnen.

Am 26. März 1996 rufen Ärzte des Urban-Krankenhauses die Polizei. Eine junge Frau liegt mit lebensgefährlichen Hammer- und Messerverletzungen bei ihnen. Die 3. Mordkommission hat Bereitschaft und übernimmt. Auch Ramona kommt vom Junkie-Strich. Und sie kennt den Nachnamen dessen, der ihr das angetan hat, und weiß ungefähr, wo er wohnt. Er ist Hautarzt im Steglitzer Klinikum Benjamin Franklin. Die 5. Mordkommission wird dazugezogen. Das Apartment im gediegenen Schmargendorf sieht aus, als hätte jemand es sehr schnell „säubern“ wollen. Aber die Tatortbearbeiter finden hinter der Stereoanlage sieben Polaroidfotos. Und in einer Kamera steckt noch ein Film. „Auf zwei Bildern war dieselbe Frau wie auf den Polaroids“, schildert Kexel, heute 37 und stellvertretender Leiter der 2. Mordkommission, „in ungewöhnlichen Positionen, mit verdecktem Gesicht.“

Sie vermuten, dass es Bilder einer Toten sind, ermitteln auf der Kurfürstenstraße, klären mit Rechtsmedizinern die grünen Verfärbungen auf dem entblößten Bauch der Frau und die roten Ränder an ihren Nagelbetten und stoßen in der Vermisstenstelle des Landeskriminalamts auf die Anzeige der Kochs. „Wir hatten schnell den Verdacht, die Frau auf den Fotos könnte die vermisste Zsanett sein“, fasst Gerd Hasse zusammen. Er ist heute 58 und seit Mai 2000 Leiter der OFA, der LKA-Dienststelle für operative Fallanalysen – im Volksmund fälschlich „Profiling“ genannt. Damals war er Chef der 5. Mordkommission, und dass die OFA auch im Land Berlin so schnell und effektiv installiert wurde, ist das Ergebnis eines, wie er es nennt, „schleichenden und logischen Prozesses“, der für ihn mit den Ermittlungen um die jungen Frauen von der Kurfürstenstraße begann. Sie sind bis heute nicht vollständig abgeschlossen und sie treiben Hasse wie auch Kexel bis heute um. „Diese Ermittlungen waren besonders tragisch“, erinnert sich Hasse, „und besonders anrührend.“

Sie müssen den Kochs die Horrorfotos zur Identifizierung vorlegen. Barbara erkennt ihr Kind sofort am Bubikopf mit den zu orangigen Strähnen, den Stiefeln, dem rot-violetten Pullover, den sie ursprünglich für Franko gekauft hatte. Franko nicht. „Ich hab nur gesagt: ,Nee, das isse nicht!‘“ erzählt er heute. „War wahrscheinlich so eine Sperre – was nicht sein darf, das ist auch nicht.“ Sie werden vernommen, müssen sich Fingerabdrücke abnehmen lassen. Die Spurensicherer kleben ihre halbe Wohnung und die von Zsanett ab. Routine. Aber die Kripos sind „behutsam, es tat gut, mit ihnen zu reden“.

Bald danach stehen Hasse und Kexel wieder bei ihnen vor der Tür. Zum Überbringen der Todesnachricht. Für Kexel „das Belastendste, was eine Mordkommission zu tun hat. Das war sehr bewegend. Man versucht natürlich, die Angehörigen zu betreuen, aufzubauen – und sowie man das Gefühl hat, jetzt haben sie sich wieder ein bisschen gefangen, muss man leider auch wieder Fragen stellen. Eine ganz schwierige Gratwanderung.“ Bei der sie gleichzeitig professionelle Distanz wahren müssen. Sie haben die Pflicht, alles zu ermitteln – auch und gerade das, was einen Täter entlasten kann.

Für die Kochs bricht die ganze gewohnte Welt weg. Zsanett ermordet. Was für ein Wort. Warum Zsanett? Warum macht einer so etwas? Und es wird alles immer schlimmer. Kaum ist der Hautarzt verhaftet, geht ein Medienrummel los, der nicht nur für die Kochs an schwere Körperverletzung grenzt. Barbara traut sich kaum noch aus dem Haus. Ein paarmal sind plötzlich Typen aus Gebüschen gesprungen und haben ihr ein Foto von Zsanett unter die Nase gehalten: „Kennen Sie die?“ Andere versuchen, Zsanetts Nachbarkinder auszuquetschen. Drei-, viermal klingeln Presseleute Sturm an Kochs Wohnungstür. „Halbe Stunden lang“, erzählt Franko. „Sonnabends und sonntags morgens.“ Sie verabreden Klingelzeichen mit ihren Freunden. Sie reden kein Wort mit Medienleuten. Aber die entsetzlichen Einzelheiten dessen, was Zsanett passiert sein muss, schreien aus Sendern und Zeitungen. Berlin hat eine kriminelle Sensation wie selten, den „Hannibal Lecter von Schmargendorf“. Erst recht ab November, als der Prozess gegen den Arzt wegen Mordes in einem und Mordversuchs in drei Fällen beginnt. Barbara Koch ist inzwischen vollkommen arbeitsunfähig, in psychiatrischer Behandlung, wird von Angstattacken und Depressionsschüben geschüttelt. Franko hat für sich eine Doppelstrategie gefunden: Er ballert sich systematisch mit Arbeit zu. Macht eine Fortbildung, neben der Arbeit. „Ich bin morgens fünf auf Arbeit und abends halb zehn nach Hause und war so müde, dass ich an nichts mehr denken musste“, sagt er. „Mich hat’s nur vor den Wochenenden gegraut.“ Er weiß, dass Barbara das nicht kann, sie muss reden. Reden und immer wieder reden. Das kann er nicht. Er ist „der Schweigsame, der Verdränger – ja“. Aber er sitzt fast den ganzen Prozess durch und hört sich alles an, in der Hoffnung, irgendwann zu verstehen, warum dieser blasse, bornierte Mensch da das alles getan hat. Wie kann man ein Mädchen erdrosseln und hinterher behaupten, das sei ein Spiel gewesen, „Gassi gehen“? Wie kann man eine Tote in eine Badewanne drapieren, damit sie aussieht wie lebendig, eine Bierflasche in der Hand? Wie kann man auf sie urinieren und das auch noch fotografieren? Wie kann man den geschundenen Körper zersägen und irgendwo auf den Müll schmeißen? Auf den Müll!

Für Barbara übersetzt sich das Nicht-Begreifen-Können in Schuldgefühle und Selbstbestrafung. „Man fragt sich als Mutter sofort: Haste dies falsch gemacht, haste das falsch gemacht? Kindererziehung ist doch das Allerschwierigste, jedes Kind ist eine eigene Persönlichkeit.“

„Wie kann ich das und das genießen, wenn Zsanett das nicht mehr kann“, zitiert Franko, „das hab ich das erste Jahr immer wieder von ihr zu hören gekriegt.“

Es ist auch nicht vorbei, als der Hautarzt im August 1997 nach einem endlos scheinenden Prozess zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird. Zwar kann Barbara inzwischen die Selbstzerfleischung manchmal in Aggression umwandeln. Dann tritt sie die Couch und brüllt sich die Wut aus dem Leib. Hört ja niemand. Die Kochs wohnen längst nicht mehr in Reinickendorf, sondern in einem Häuschen mit Garten. Der Garten hilft auch. Sehr sogar. Pflanzen betüddeln, zusehen, wie sie wachsen, „das macht richtig den Kopf frei“, sagt sie. Aber noch bricht viel zu oft plötzlich alles über ihr zusammen. Sie will das nicht. Es geht ihr auf die Nerven. Dann schimpft sie mit sich. „Schluss jetzt! Das soll aufhören!“

Es hört nicht auf. Vielleicht lebenslänglich nicht. Barbara und Franko Koch hatten nicht einmal die Chance, ihr Kind zu begraben und Abschied zu nehmen. Zsanetts Leiche wurde nie gefunden.

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