Lebensmittel-Apps in Berlin : Auf den Tisch statt in die Tonne

Wenn das Brot von gestern Abnehmer findet: "Zero Waste"-Aktivisten kämpfen kreativ gegen Verschwendung und Vermüllung.

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Zweibeinige Karotten, krumm gewachsene Gurken und allzu knollige Kartoffeln schmecken wie das vermeintlich perfekte Gemüse aus der Supermarkttheke und sind kein Fall für den Müll.
Zweibeinige Karotten, krumm gewachsene Gurken und allzu knollige Kartoffeln schmecken wie das vermeintlich perfekte Gemüse aus der...Foto: picture alliance / dpa

Das Mittagessen kommt in der Lieferbox. Gefüllte Auberginen, Frühlingsrollen mit Reis und Salat für acht Personen. Fast wäre all das in einem Neuköllner Restaurant im Müll gelandet. Nun steht es in biologisch abbaubaren Verpackungen aus Zuckerrohr in den Büroräumen eines jungen Start-ups, das sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat. „Wie könnten wir Tag für Tag gegen die Verschwendung ankämpfen, wenn wir selbst nicht danach leben?“, fragt Mai Goth Olesen.

Die schmale 28-Jährige ist Gründerin des Start-ups Eatup. Von ihrem Büro im Südwesten Neuköllns arbeiten Olesen und ihre 15 Mitarbeiter an der App MealSaver. Restaurants, Cafés, Imbisse oder Bäckereien können über den Dienst bereits zubereitete Speisen anbieten, die sie selbst nicht an ihre regulären Kunden verkaufen konnten. So können sie auch noch ein wenig Geld an den Speisen verdienen. Wer als privater Nutzer die App öffnet, findet Angebote, die nicht mehr als vier Euro pro Mahlzeit kosten, Olesens Firma verdient an jeder Bestellung einen Euro. Eine Karte zeigt alle in Berlin teilnehmenden Geschäfte und Lokale.

Schon während des Studiums in Dänemark wollte Olesen möglichst wenig verschwenden. Hinter Supermärkten suchte sie in Müllcontainern nach Lebensmitteln, die noch frisch und genießbar sind, veranstaltete selbst kleine Dinnerpartys mit ihren Funden. „Ich konnte einfach nicht glauben, wie viel Lebensmittel weggeworfen werden“, sagt Olesen. In ihrer Heimat arbeitete sie auch erstmals in einem Start-up, das nach Auswegen aus der Wegwerfgesellschaft sucht.

Damit auch Restaurants und Cafés weniger Speisen wegschmeißen müssen, hat Mai Goth Olesen die App MealSaver gestartet.
Damit auch Restaurants und Cafés weniger Speisen wegschmeißen müssen, hat Mai Goth Olesen die App MealSaver gestartet.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Deutschen werfen jedes Jahr 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weg

Die Arbeit ihres jungen Berliner Teams trifft einen Nerv. „Zero Waste“ – also „null Müll“ – nennt sich die lose Bewegung, die für ein Leben ohne Verschwendung steht und für die sich immer mehr Menschen interessieren. Dabei geht es nicht nur um das Recyceln von Ressourcen oder darum, Verpackungsmüll zu vermeiden. Über Plattformen wie Foodsharing.de organisieren sich allein in Berlin hunderte Freiwillige, die eigene Lebensmittel weitergeben oder Spenden aus Betrieben verteilen.

Tatsächlich landen Jahr für Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland im Müll, davon ein Drittel in den Containern von Gastronomen, Zulieferern und Betrieben: Buffetreste aus Kantinen, Menüs aus Restaurantküchen, Süßes vom Bäcker.

Als Olesen Anfang 2016 nach Berlin zieht, beginnt sie mit Restaurantbetreibern zu sprechen. „Viele wirkten zermürbt, weil sie so viel wegwerfen müssen“, erzählt Olesen. „Ich hatte erst Sorge, dass die Restaurants aus Imagegründen nicht an Bord kommen würden.“ Doch die Gastronomen wünschten sich selbst eine Alternative zum Mülleimer. Olesen gründete EatUp, Anfang September wurde die App programmiert. Sechs Wochen später startete MealSaver mit rund 60 Restaurants in Berlin.

Mittlerweile gehören 150 Restaurants zum MealSaver-Netzwerk. Rund 70 Restaurants sind es in Hamburg, wo die App seit Kurzem verfügbar ist. In den kommenden zwei Monaten sollen München, Köln, Düsseldorf und Dortmund folgen. „Derzeit gewinnen wir etwa 100 neue Partnerrestaurants pro Monat, viele davon in Berlin“, sagt Olesen. Rund 2200 Bestellungen gab es zwischen Anfang November und Mitte Januar.

Zweibeinige Karotten und krumm gewachsene Gurken

Längst widmen sich in Berlin auch Blogger der Entwicklung. Anna Forssman ist eine von ihnen. Die 30-Jährige schreibt in ihrem Blog „Green Friday“ auch über „Zero Waste“ und nachhaltige, umweltbewusste Nutzung von Lebensmitteln. „Wir müssen lernen, Lebensmittel wieder wertzuschätzen“, sagt Forssman. „Niemand ist perfekt, aber jeder kann seinen Teil leisten.“ Sie selbst versucht, verpackungsarm einzukaufen. Außerdem hilft sie regelmäßig einem Biobauern bei der Arbeit und kauft besonders gern, was der Norm wegen nicht im Supermarkt landet – auf Wochenmärkten gibt es, meistens direkt von den Produzenten, auch Obst und Gemüse, das zwar nicht wie in der Werbung aussieht, aber trotzdem gut schmeckt.

Diese Nische hat sich auch das Berliner Unternehmen Querfeld vorgenommen: Es kauft Landwirten „schräges Obst und Gemüse“ ab, das eigentlich schon bei der Ernte aussortiert wird, weil es „nicht den optischen Vorstellungen des Handels“ entspricht, heißt es im Onlineauftritt: zweibeinige Karotten, krumm gewachsene Gurken, allzu knollige Kartoffeln. Die Kunden sind kleinere Abnehmer, etwa Kindergärten und kleine Kantinen. Das Start-up Dörrwerk verarbeitet ebensolches Obst zu Fruchtpapier, dünnen Blättern aus püriertem Obst.

Und MealSaver, die App von Mai Goth Olesen, hat bereits Konkurrenz bekommen: Auch To Good to Go und ResQ vermitteln in Berlin über eine App überschüssiges Essen aus Gastronomiebetrieben. Nach Finnland, Holland, Estland und Schweden ist Deutschland für ResQ bereits der fünfte Markt.

Die Berliner Tafel ist froh über die Unterstützung der Start-ups

Die „Zero Waste“-Bewegung ist auch mit Veranstaltungen aktiv: Die Berliner Initiative Culinary Misfits etwa hält Seminare und Workshops rund um „missratenes“ Obst und Gemüse ab, unter anderem für Schulen und Kindergärten. Sie will ein Bewusstsein für die vermeintlich unperfekten Lebensmittel schaffen. Und Olesen glaubt: „Vielen Menschen kommt unser Angebot in ihrer Einstellung bereits entgegen.“

Etablierten Akteuren im Kampf gegen die Verschwendung kommen die neuen „Zero Waste“-Aktivisten und Unternehmen übrigens nicht in die Quere. „Grundsätzlich ist alles gut, was hilft, Lebensmittel zu retten. Die Arbeit der Start-ups und Initiativen ist auch in unserem Sinne“, sagt Antje Trölsch, Sprecherin der Berliner Tafel. „Wir sehen die Arbeit der Start-ups eher als Ergänzung. Sie decken einen anderen Bereich ab.“ Das Engagement der Freiwilligen bei Foodsharing.de betreffe oft erheblich kleinere Margen. „Es ist schön, dass das System auch dort greift und Lebensmittel gerettet werden können.“

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