Lebensmittelpreise : Bauern drohen mit Milchboykott

Sinken die Preise für Milchprodukte weiter, wollen Brandenburger Landwirte die Lieferung an die Molkereien einstellen. Nur dank Subventionen der EU kommen die meisten Betriebe auf eine schwarze Null.

Juliane Wedemeyer
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Volle Euter: Würden die betroffenen Bauern streiken, müsste die Milch einfach weggekippt werden. -Foto: dpa

Redicke/Potsdam - Milchbauer Fred Schulze ist sauer. Am liebsten würde er seinen Trecker und seinen Pflug auf die Autobahn stellen und die Fahrbahn sperren. „Jeden Tag für eine Stunde, dann würden alle mal mitkriegen, dass es uns Bauern noch gibt.“ Schulze ärgert sich über die großen Supermarktketten Aldi, Lidl und Rewe. Die haben zum Wochenbeginn den Preis für Vollmilch um 12 Cent pro Liter gesenkt: 61 Cent kostet derzeit eine Packung beim Discounter. „Die machen uns tot“, sagt Schulze. Der Milchbauer aus Redicke im Hohen Fläming befürchtet, dass ihm seine Molkerei im sächsischen Leppersdorf nun noch weniger für sein Produkt zahlen wird. Seine rund 450 Kühe produzieren etwa vier Millionen Liter pro Jahr.

Seit dem Höchststand im vergangenen November ist der Abnahmepreis ohnehin schon wieder um acht Cent gesunken. Die Molkereien zahlten derzeit nur noch zwischen 32 und 35,5 Cent pro Liter, sagt Matthias Schannwell, Milchreferent beim Landesbauernverband. Die meisten Landwirte könnten damit noch nicht einmal die Kosten decken. Zwischen 33 und 38 Cent müssten sie ausgeben, um einen Liter Milch zu produzieren. Denn die Preise für Futter und Energie seien in den vergangenen Monaten teilweise um 80 Prozent gestiegen, sagt Schannwell. Nur dank Subventionen der EU kommen die meisten Betriebe auf eine schwarze Null.

Wie Schulze denken darum viele der rund 650 Milchbauern in Brandenburg zurzeit über einen Milchstopp nach. Vereinbart sei zwar noch nichts, sagt Milchreferent Schannwell, aber: „Einen Lieferboykott ziehen wir als letztes Mittel in Erwägung.“ Das hänge ganz davon ab, wie tief der Preis tatsächlich sinken wird. Fällt er unter 30 Cent, halte er höchstens noch ein halbes Jahr durch, sagt Schulze.

Auch für Jens Winter von der Fehrbelliner Rhinmilch GmbH liegt die Schmerzgrenze bei 30 Cent pro Liter. „Wenn wir darunter sinken, knallt’s“, sagt er. Dann ist auch für ihn ein Lieferboykott denkbar. Seine Kühe haben dieses Jahr rund 17 Millionen Liter Milch für den Verkauf geliefert. Die Rhinmilch GmbH liegt damit rund eine Million Liter über der erlaubten Milchquote.

Laut Landesbauernverband haben mehrere brandenburgische Milchbauern im vergangenen Jahr über die Quote hinaus produziert. Zum Teil auch, weil der Preis für Milch im zweiten Halbjahr 2007 stark gestiegen war. Für drei Monate lag der Preis 2007 bei 43 Cent pro Liter. Da konnten Schulze und Winter endlich mal mit Gewinn produzieren. Doch das gestiegene Angebot übertraf nun wieder die Nachfrage – und die Preise sanken.

Jens Winter glaubt, dass die Bauern selbst schuld daran sind. „Manche pressen ihre Kühe bis aufs Letzte aus und geben den Kälbern Ersatzfutter, nur um mehr Milch verkaufen zu können.“ Stattdessen müssten sich alle Bauern darauf einigen, rund zwei Prozent weniger Milch zu produzieren. Nur so würden sich Angebot und Nachfrage auf Dauer die Waage halten. Sein Betrieb hat darum gerade 100 Kühe verkauft. „Aber wenn einer allein das macht, hilft das nichts.“ Der gesamte Bauernstand müsste mitziehen, sagt Winter. Das sei wichtiger als jeder Milchboykott.

Zumal Bauern ohnehin nicht wirklich streiken könnten. Die Kühe könnten ja nicht mit vollen Eutern im Stall stehen bleiben. Bei einem Streik müsste die Milch schlicht weggekippt werden.

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