Berlin : Lebenszeichen vom Friedhof

Die Versöhnungskirche plant persönlichere Grabmale gegen die Tristesse letzter Ruhestätten

Lothar Heinke

In der jüngsten Kirche Berlins, der 1999 aus Lehm erbauten „Kapelle der Versöhnung“ an der Bernauer Straße, wird es im Anschluss an den Totensonntags-Gottesdienst eine Überraschung geben. Elf Künstler – Steinmetzmeister, Holz- und Metallgestalter – erläutern die Idee zu einem Kunstprojekt, mit dem die Versöhnungskirchgemeinde den ökumenischen Kirchentag im Frühjahr 2003 bereichern möchte. Pfarrer Manfred Fischer sagt: „Interessierte Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, in Zusammenarbeit mit den Gestaltern für sich oder auch für jemanden, der ihnen sehr nahe steht, ein Lebenszeichen, ein persönliches Denkmal gewissermaßen, zu entwickeln.“

Kein Grabstein im herkömmlichen Sinne, sondern eine nach eigenen Vorstellungen gestaltete Plastik, die, zu Lebzeiten angefertigt und erstmal zu Hause aufgestellt, nach dem Tod auf den Friedhof als Grabzeichen umgesetzt werden kann. „Irgendwann könnte es wieder von den Enkeln oder Urenkeln zurück in ihre private Umgebung genommen werden und wäre so ein Andenken an einen ihrer Vorfahren“, sagt Pfarrer Fischer und erläutert die finanzielle Seite des Projekts: Die Interessenten, mit denen die Gestalter die Konzepte für diese Lebenszeichen erarbeiten, müssten lediglich für das Material und dessen Transport aufkommen.

Während des Kirchentags vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2003 werden die Lebens- und Grabzeichen aus Stein, Holz, Ton, Metall oder Glas in mehreren Laubhütten auf dem Gelände rings um die dann Tag und Nacht geöffnete Kirche hergestellt. „Diese Aktion möchte helfen, der Persönlichkeit und Unverwechselbarkeit jedes einzelnen Menschen und jedes Verstorbenen mehr Gewicht zu verleihen und der Eintönigkeit und Trostlosigkeit auf den Friedhöfen entgegenwirken“, sagt Manfred Fischer, der manche Friedhöfe „geradezu schrecklich, ohne Bestattungskultur“ findet und die zunehmende Tendenz beklagt, den Tod völlig aus dem Leben zu verbannen. Die Lebenszeichen an, neben oder auf den Gräbern sollen dem Verstorbenen quasi ein Gesicht geben, seine Eigenheiten ausdrücken.

Der Initiator Michael Spengler ist Bildhauer, Steinmetz und Restaurator. „Wir wollen die Leute mit dem Lebenszeichen zu Lebzeiten an ihre irdische Endlichkeit erinnern, aber mit ihnen gemeinsam Gestalt und Gestaltung besprechen“, sagt er. Dazu bedarf es jener Partner und Auftraggeber, die die Versöhnungsgemeinde nun sucht, damit die elf Künstler zum Kirchentag voll beschäftigt sind. Beispiele für eine künstlerische Rezeption von Grabzeichen in verschiedenen europäischen Ländern zeigt eine Fotoausstellung, die am Totensonntag nach dem Gottesdienst auf dem Freigelände rings um die Kirche eröffnet wird. Die Adressen und Telefonnummern der elf Künstler liegen zehn Tage in der Kapelle der Versöhnung aus. Lothar Heinke

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