Leere Kuppel, volle Buden : Wie Berlin mit der Terrorwarnung umgeht

Den Reichstag schützen jetzt Sicherheitsgitter, Kuppel und Dachterrasse sind für Besucher geschlossen. Auch andernorts wurde die Sicherheit erhöht, beispielsweise auf den Weihnachtsmärkten.

Erst seit Anfang Dezember ist einzelnen angemeldeten Besuchergruppen der Zutritt zur Reichstagskuppel wieder erlaubt.Weitere Bilder anzeigen
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25.11.2010 09:36Erst seit Anfang Dezember ist einzelnen angemeldeten Besuchergruppen der Zutritt zur Reichstagskuppel wieder erlaubt.

GITTER VERSPERREN DEN REICHSTAG

Seit Montag ist die islamistische Terrorgefahr für jeden im Stadtbild zu erkennen. Am Morgen begannen Polizisten mit hunderten Gittern den Reichstag abzuriegeln. Parallel dazu teilte die Bundestagsverwaltung mit, dass „bis auf Weiteres“ die Kuppel und die Dachterrasse für Besucher gesperrt seien. Berlin hat also eine Touristenattraktion weniger. Nach Angaben des Bundestags können angemeldete Gäste trotzdem das Dachrestaurant besuchen. Für die Kontrolle von angemeldeten Besuchern und Journalisten stellte die Bundespolizei am Nachmittag spezielle Container auf. Auf Wunsch des Bundestages stellte die Berliner Polizei 60 Beamte ab, die das Reichstagsgebäude bewachen sollen. Eine spezielle Drohung gegen den Bundestag gebe es aber nicht, versicherten gestern Innensenator Ehrhart Körting und das Bundeskriminalamt. Wie Polizeipräsident Dieter Glietsch gestern sagte, komme die Polizei derzeit gut mit der gestiegenen Belastung klar, Urlaubs- oder Dienstfrei-Sperren seien noch nicht erforderlich. Bisher gebe es keine Meldungen über angeblich „Verdächtige“. Nur einmal mussten die Entschärfer des Landeskriminalamtes gestern ausrücken. Beim Bund deutscher Architekten in der Köpenicker Straße in Mitte war mittags ein verdächtiges Paket eingegangen – es enthielt einen Kopfhörer. Jörn Hasselmann

BUDENZAUBER MIT POLIZISTEN

Im strömenden Regen wurden am Montag die ersten Weihnachtsmärkte eröffnet. An der Gedächtniskirche durchstreifen schon gegen Mittag Polizisten den Markt, an den Ausgängen stehen Männer mit dicken Schutzwesten und Maschinenpistolen. Die Glühweingeschäfte haben schon zu tun. Anna ist eigens aus Kroatien angereist, um hier Glühwein zu verkaufen. Die irgendwie angespannte Sicherheitslage hat sie mitbekommen, hält aber am Montag den Regen für das größere Ärgernis. Dass es ab Mittwoch viel kälter werden soll überrascht sie. „Für den Glühwein ist das gut, für uns Verkäufer aber Mist.“ Kaum Präsenz zeigt gegen Mittag die Polizei hingegen auf dem Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz. Hier sind nun auch die Buden entlang der Alten Potsdamer Straße geöffnet. In einem Korbladen vertreiben sich zwei kräftige Verkäufer die Zeit. Auf die Frage, wie ihr Geschäft an diesem ersten Tag laufe, murrt einer der beiden nur: „Es regnet.“ Damit sei auch alles gesagt. Und die Terrorwarnung? „Hier ist das ein Thema“, sagt er und zeigt dabei auf seine Brust. Bojan Krstulovic

REVUETHEATER ÜBT DEN ERNSTFALL

Der Friedrichstadtpalast nahm die Medienberichte um die Sicherheitslage zum Anlass, bis Silvester zwei weitere Sicherheitsleute am Haupteingang zu postieren. Die sollen während der Vorstellungen „auf Menschen mit ungewöhnlichem Verhalten achten und sich auch mal größere Gepäckstücke öffnen lassen“, teilte Intendant Berndt Schmidt am Samstag in einem Schreiben an die Mitarbeiter, das dem Tagesspiegel vorliegt, mit. Den Palast betrachtet Schmidt im Brief allerdings als „kein besonders gefährdetes Gebäude“. Im Hinblick auf mögliche Gefahren in der Umgebung, wo sich Bahnhöfe, Regierung, Weihnachtsmärkte und jüdische Einrichtungen befinden, soll ein Leitfaden zum Umgang mit Katastrophen entwickelt werden. In dem Brief ruft Schmidt seine Mitarbeiter dazu auf, wachsam zu sein und Ungewöhnliches sofort zu melden. Offiziell wollte sich beim Friedrichstadtpalast niemand zu dem Schreiben äußern. Es war aber zu erfahren, dass Mitarbeiter und Tänzer der Kindershow und der großen Abendshow möglichst bald eine Evakuierung des Gebäudes im Notfall trainieren. Hintergrund ist vermutlich die Angst vor einer ähnlichen Situation wie im Moskauer Dubrowka-Theater 2002. Damals hatten islamistische Rebellen 850 Menschen in ihre Gewalt gebracht. Bei der Befreiung starben mindestens 129 Geiseln. Christoph Spangenberg

VERANSTALTER GEBEN BÜHNEN FREI

Die meisten Berliner Veranstalter bleiben trotz der Terrorwarnung gelassen. Die Messe Berlin will vorerst nichts am Sicherheitskonzept ändern. Man sehe „keine Notwendigkeit, noch mehr zu tun“, sagte ein Sprecher. Außerdem sei man vermutlich nicht im Fokus von Terroristen. Veranstalter Trinity Music behält ebenso die üblichen Kontrollen bei. Die Besucher würden vor jedem Konzert gründlich abgetastet, Taschen und Rucksäcke durchsucht, sagte ein Sprecher. Ganz so akribisch ging es beim Gorillaz-Konzert am Sonntag im Velodrom nicht zu. Besucher berichteten von äußerst oberflächlichen Kontrollen. Die Security habe sich lediglich Jacken und Taschen kurz öffnen lassen und einen Blick hineingeworfen. Veranstalter Best wollte sich dazu nicht äußern. Wie gefährdet Konzertbesucher sind? Bisher jedenfalls haben sich islamistische Terroristen noch keine Konzerte für Anschläge ausgesucht. Christoph Spangenberg

SCHULEN BLEIBEN BEIM LEHRPLAN

An den Schulen sind die Terrorwarnungen „kein große Thema“. Dies ist der Eindruck, den Landeselternsprecher Günter Peiritsch und Paul Schuknecht von der GEW-Schulleitervereinigung bislang gewonnen haben. Beide halten es für richtig, dass es so ist, denn für eine breite Thematisierung sei die Warnung „zu allgemein“, findet Schuknecht. „Wenn etwas passiert, wird es uns verändern, aber im Augenblick kann ich keine Besorgnis oder Hysterie in der Schule registrieren.“ Er sei allerdings gestern beim Musikunterricht darauf zu sprechen gekommen, „weil es sich so ergeben hat“. Ebenso wie Peiritsch hat Schuknecht kein Rundschreiben der Bildungsverwaltung zu dem Thema vermisst. „Schulen brauchen kein Rundschreiben und keine Verordnung, um reagieren zu können, wenn Schüler über das Thema sprechen möchten“, sagt der Landeselternsprecher. Susanne Vieth-Entus

TOURISTEN REISEN AN

Allein in Bremen gehen die Menschen weniger gelassen mit der Warnung um. Reisebürochefin Renate Kemper musste eine Busreise nach Berlin am kommenden Samstag absagen, weil sechs ihrer 25 angemeldeten Kunden einen Rückzieher gemacht und die Reise storniert hatten. „Die Leuten haben Angst“, sagt sie. Dass sie einige Kunden umstimmen konnte, nützt da nichts mehr: Rentabel sei eine solche Fahrt nämlich erst bei 30 Kunden. So bleibt sie auf den 700 Euro für den bereits angemieteten Bus sitzen. „Das ist alles Panikmache“, sagt Kemper sauer. Andernorts lassen sich die Touristen nicht von möglichen Anschlägen beeindrucken. Erst am Freitag, also zwei Tage nach der Terrorwarnung durch Innenminister Thomas de Maizière, fuhren acht Busse des Hamburger Reiseveranstalters „Reisering“ für mehrere Tage nach Berlin. Abgesprungen sei niemand, sagte ein Mitarbeiter. Auch die mehrtägigen Adventsreisen im Dezember habe bisher niemand storniert. Beim großen Reiseveranstalter „Thomas Cook“ weiß man ebenso nichts von Absagen aus Terrorangst. Das Gleiche sagen Reisebüros in Dresden und Dortmund. In einem sind sich die Anbieter aber einig: Sollte es tatsächlich zu einem Anschlag kommen, würden mit Sicherheit viele Kunden abspringen. Christoph Spangenberg

SENATOR DEMONSTRIERT RUHE

Der Innensenator kommt ins Haus der Kulturen der Welt, er hält seine Ansprache vor dem voll besetzten Saal und setzt sich ohne jede Hektik zur Podiumsdiskussion. Ehrhart Körting (SPD) demonstriert am Montag Ruhe, obwohl nur ein paar hundert Meter entfernt die Polizei mit Maschinenpistolen im Areal um das Brandenburger Tor patrouilliert. Dass es bei dem Symposium des Verfassungsschutzes um die Radikalisierung von Muslimen und die Perspektiven einer möglichen Deradikalisierung geht, ist für Körting ein Zufall der „Terminierung“, die Veranstaltung war lange geplant. Aber es passt, zumal der Senator ausdrücklich den Beamten des Polizeiabschnitts 34 für den Schutz des Symposiums dankt. Größere Kontrollen gibt es jedoch nicht. Dennoch ist die Brisanz des Themas, das zeigt der Vortrag von Verfassungsschutzchefin Claudia Schmid, auch ohne Terrorwarnung groß genug. Es gebe in Berlin und in Deutschland insgesamt „eine wachsende Infrastruktur des politischen Salafismus“, sagt Schmid. Salafismus ist eine ultrakonservative Strömung im Islam, ein Teil dieses Milieus ist auch gewaltgeneigt und driftet in Richtung Terror. Eine Reihe salafistischer Prediger betreibt laut Schmid „eine massive Indoktrination von Konvertiten und nicht linientreuen Muslimen“. Körting beklagt dann bei der Debatte, dass die vom Bundesinnenminister geführte Islamkonferenz stockt. Das Publikum, darunter Frauen mit Kopftuch, stimmt offenbar zu. Hysterie? Fehlanzeige. Frank Jansen

ALLTAG IN POTSDAM

Über die brandenburgischen Weihnachtsmärkte – ob in Potsdam oder märkischen Kleinstädten – werden keine Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillieren. Die örtliche Polizei wird aber in den Streifen „ein besonderes Augenmerk“ auf solche stärker frequentierten Orte im Land haben, sagte Jürgen Jakobs, der Inspekteur der Landespolizei. Lediglich auf dem Flughafen in Schönefeld seien in Abstimmung mit den Bundesbehörden mehr Polizisten im Einsatz. Gleichwohl habe sich Brandenburgs Polizei seit dem Anschlag am 11. September 2001 auf für „jedes Szenario“ vorbereitet. Konkret gibt es aber, wie Innenminister Dietmar Woidke (SPD) betonte, „keine Anhaltspunkte, dass sich islamistische Tätergruppen im Land aufhalten oder es im Land Brandenburg ein konkretes Anschlagsziel geben könnte“. Als Grund nennen Sicherheitsexperten auch weithin extrem dünne Besiedlung. Thorsten Metzner

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