Berlin : Leerzeichen

Andreas Conrad

Zwei Seelen, ach, sie wohnen auch in des Berliners Brust. Da hat er nun Spielerlisten, Terminkalender zur WM eifrig studiert, mit heißem Bemühen die TV-Angebote der sonnigsten Plätze in der hiesigen Kneipenszene sondiert. Doch da steht er nun, der arme Tor, und trinkt eher weniger als wie zuvor – jedenfalls nicht vor Publikum. Denn das ist doch schon erstaunlich, dass selbst sonst gut besuchte bis hoffnungslos überfüllte Biergärten ausgerechnet in diesen ersten Sonnentagen der WM leere Plätze zu beklagen haben. Der Berliner, sonst eher ausgehfreudig, dem die Eckkneipe seit jeher das zweite Wohnzimmer war – ist er zum Stubenhocker mutiert? Oder neigt er zugleich, ein in seiner Seele tief gespaltenes Zwitterwesen, zum Herdentier, das einfach hinterhertrampelt, wenn sich nur genügend andere seiner Spezies in eine bestimmte Richtung in Bewegung setzen? Denn das gibt es derzeit ja auch: überfüllte Plätze mit TV-Dauerangebot, wo sie alle hinrennen, Touristen wie Einheimische, zur großen Fangemeinde in der ihr zugemessenen Meile zusammengeschweißt, schwitzend, trinkend, jubelnd – dem Stubenhocker ein Graus.

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