Berlin : Legionellen: Schließung unwirtschaftlicher Bäder ist kein Tabu

Herr Scholz[schon wieder mussten Bäder gesch]

Drei Hallenbäder sind wegen aktueller Legionellen-Befunde geschlossen - Ergebnis einer Aktion der Bäderbetriebe, die derzeit alle Schwimmhallen untersuchen lassen. Susanne Vieth-Entus und Annette Kögel sprachen mit Ortwin Scholz, Vorstand der Berliner Bäderbetriebe, über Konsequenzen für Berlins 84 Bäder und ihre Besucher.

Herr Scholz, schon wieder mussten Bäder geschlossen werden. War es fahrlässig, das Kombibad Spandau Süd so lange offen zu lassen? Immerhin wusste man um das Risiko, da die Wasserkessel nicht auf 70 Grad hochheizen können.

Wir haben versucht, mit vorhandenen Mitteln vorzubeugen. Wir können in Spandau bis 65 Grad heizen, auch dann werden Legionellen schon abgetötet. Jetzt müssen wir auch chemisch desinfizieren. Ich will aber nochmal darauf hinweisen, dass Legionellen nur Kleinstkindern, älteren immungeschwächten Männern und schwangeren Frauen gefährlich werden können.

Trotzdem wird es jetzt manchen ekeln, schwimmen zu gehen.

Das kann ich in der Kürze der Zeit nicht abschätzen. Bei den Besucherzahlen gibt es bislang keine signifikanten Abweichungen.

Müssen wir auf weitere böse Überraschungen gefasst sein?

Bis zum 16. Februar werden alle 47 Hallenbäder untersucht sein. Bisher haben wir von 38 Einrichtungen Zwischenergebnisse. Sie deuten nicht auf weiteren schwerwiegenden Befall hin. Jedes Bad bekommt nun einen Laufzettel mit Vorgaben, in welchem Rhythmus was getan werden muss, um künftig bessere Ergebnisse zu erzielen. Dazu gehört auch das regelmäßige Hochfahren der Wassertemperatur in den Duschen auf 70 Grad. Schon nach zwei Minuten Heißwasser ist die Hälfte der Keime tot.

Eine erhöhte Legionellenkonzentration kommt überall dort vor, wo warmes Wasser länger ruht - nicht nur in Schwimmbädern.

Richtig, auch Wohnungunternehmen, Hotels, Privatbäder und Saunabetreiber müssen sich Gedanken machen. Wir brauchen dringend eine bundesweite gesetzliche Grenzwert-Vorschrift und eine Meldepflicht für alle. Das Gesetz ist in Arbeit, wird aber erst ab 2003 gelten. Vorher muss der Arbeitskreis in der Gesundheitsverwaltung eine Berliner Regelung finden, damit die Diskussion nicht länger auch von subjektiven Meinungen geprägt ist.

Auch ohne Legionellen haben die Bäderbetriebe Probleme. Viele Bäder sind sanierungsbedürftig, aber dafür fehlen die Mittel. Wäre es nicht vernünftig, sich von gering genutzten Bädern zu trennen?

Berlin liegt zwar mit der Anzahl der Bäder in Relation zur Einwohnerzahl an der Spitze, nicht aber bei der Wasserfläche. Da sind wir nur Durchschnitt. Schließen ist aber kein Allheilmittel. Dennoch sehen wir uns an, wie stark einzelne Bäder genutzt werden. Ende Juni soll die Bilanz vorliegen.

Gibt es schon erste Erkenntnisse?

Die Besucherzahl bei den Freibädern stagniert. Im Sommer 2000 ging sie um 20 Prozent zurück, das Wetter war aber sehr schlecht. Wir müssen noch eine Saison abwarten, um Schlüsse ziehen zu können. Vielleicht ist es ja so, dass viele Berliner zunehmend die Seen im Umland nutzen.

Warum dauert es so lange, eine Kosten-Nutzen-Analyse der Bäder zu machen?

Jedes Bad muss jetzt in einem Fragebogen alle Daten darlegen von der Belegschaft bis hin zur Besucherzahl. Für jedes Bad wird eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung vorgelegt. Dann werden wir versuchen, das Erfreuliche durch Investitionen zu steigern. Bäder, die schlecht abschneiden, müssen unter Umständen geschlossen werden. Die Untersuchung schließt auch die mögliche Beteiligung Privater nicht aus.

Neue Freizeitvergnügen wie Inlineskaten werben Ihnen Kundschaft ab. Wie wollen Sie Schwimmen wieder attraktiver machen?

Wir achten darauf, dass wir mehr bieten als nur das Schwimmerlebnis. Gastronomie, Geschäfte - all das muss stimmen. An jedem Standort muss geprüft werden, ob Fitness- und Wellness-Angebote integriert werden können. Können wir etwa Fango anbieten und Solarien? Mit der Firma Solarent arbeiten wir schon vielfach erfolgreich zusammen. Aber es gibt auch neue Konzepte: In anderen Städten wurden Räume mit Kunstrasen und Bestrahlungsgeräte an der Decke eingerichtet: eine künstliche Sonnenwiese. Manche Gäste wollen lieber so als auf einer Liege wie in einer Bratpfanne bräunen.

Seit Jahren wollen die Bäderbetriebe branchennahe Firmen als Pächter und Partner mit an Bord holen.

Interessenten gibt es. Vier bis fünf Investoren stehen schon länger vor der Tür. Die Verträge müssen bis Jahresmitte abgeschlossen sein, damit wir Interessenten, etwa Fitnessstudios, nicht verprellen.

Auch wenn Sie das Angebot modernisieren, werden Sie nicht von jetzt auf gleich Tausende Besucher mehr gewinnen, die mit ihrem Eintrittsgeld 30 Millionen Mark Verlustvorträge und mindestens drei Millionen Mark Folgekosten zur Prävention von Legionellenbefall ausgleichen ...

Es gibt kein Patentrezept. Wir müssen modernisieren, sanieren und Kosten intern umschichten. Personalkosten sparen können wir nicht mehr unbegrenzt, da liegen wir beim wegen der Sicherheit vorgeschriebenen Minimum. Es muss eben ein Bademeister da sein, egal wie viel Menschen planschen. Ich denke, wir müssen neue Wege finden, auch bei der Verteilung vorhandener Gelder.

Was meinen Sie konkret?

Die Bäder werden von der Landeskasse bezuschusst - aber man sollte darüber nachdenken, ob man Subventionen nicht anders einsetzt. Warum nicht gleich den Vereinen eine Summe zuweisen, dank derer sie Hallenzeiten mieten und bezahlen? Dann würde ein Verein nicht das ganze Bad mit wenigen Leuten blockieren, sondern nur Bahnen fürs Training mieten. Die anderen könnten für Publikum offen halten. Es gibt auch Städte, in denen Eltern fürs Schulschwimmen sozial verträgliche Beitrage bezahlen.

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