Berlin : Lehrer - Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen könnte heilsam sein (Kommentar)

Susanne Vieth-Entus

Eltern und Schüler gehen auf die Straße, um gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu protestieren. Ob Förderunterricht, grundständige Gymnasien oder Zentralabitur - der Berliner Senat scheut vor klaren Entscheidungen zurück. Die Politik nimmt auf Einsprüche von Interessengruppen Rücksicht, wartet ab. Sie hat mehr Zeit als unsere Kinder. Redakteure mit Kindern schreiben, was sie erleben - und: was sie wollen.

Die Gemüter sind erhitzt. Die Nerven liegen blank. Seit die Arbeitszeiterhöhung für die Lehrer ins Haus steht, ist eine nüchterne Diskussion schwierig geworden. Alle schreien wild durcheinander. Jeder will jeden falsch verstehen. Nichts geht mehr, wie es scheint.

Eines ist in den letzten Tagen besonders klar geworden: Lehrer leiden nicht nur unter den verschlechterten Bedingungen in ihren Schulen. Sie sind - je nach Temperament - wütend oder enttäuscht über ihr schlechtes Image. Das geht inzwischen so weit, dass sie auf Kritik geradezu allergisch reagieren. Unter diesen Voraussetzung ist es schwierig, einen Dialog zu führen, an dessen Ende eine reformierte Berliner Schule stehen soll.

Anstatt aber als unverstandene Kämpfer langsam zu vereinsamen, könnten sich die Lehrer auch einmal fragen, wie ihr negatives Image zu Stande kommt. Ausschließlich an den bösen Medien dürfte es ja nicht liegen.

Als Mutter will ich mit ein paar Antworten aushelfen. Da findet zum Beispiel an einem Sonnabend ein Schulkonzert für Familienangehörige der Schüler statt. Einige Lehrer müssen Aufsicht führen. Prompt fällt am folgenden Montag der Unterricht aus, "um die Überstunden auszugleichen". Eine Projektwoche wird veranstaltet: Täglich von 9 bis 12 Uhr basteln und werkeln die Lehrer mit den Grundschülern. Am folgenden Montag fallen die ersten beiden Stunden aus, weil die Lehrer "aufräumen müssen". Die Eltern fragen sich insgeheim, warum denn nicht am Freitagnachmittag aufgeräumt werden konnte. Schließlich kann man nicht sagen, dass alle Grundschullehrer an wochenendfüllenden Abiturarbeiten ersticken.

Um es sich nicht mit den Lehrern zu verderben, schweigen viele Eltern zu solchen Unterrichtsausfällen. Sie konfrontieren die Lehrer nicht mit ihren Vorwürfen, also hören sie auch deren Gegenargumente nicht. Aber sie merken es sich, und so ergibt sich bei manchen nach und nach das Bild vom "faulen Lehrer". Denn immer vergleichen Eltern dieses Bild auch mit ihren eigenen Arbeitsbedingungen - unbezahlte Überstunden gehören oft dazu.

Kuriose Formen nimmt auch das Aufrechnen der Arbeitszeit an. Sie denke "selbst beim Abwaschen" über den Unterricht nach, beteuerte kürzlich eine Lehrerin, die offenbar nicht auf die Idee kam, dass es bei recht vielen Berufen üblich ist, auch in der Freizeit an Lösungen für bestimmte Probleme zu basteln, ohne das gleich dem Arbeitgeber mit theatralischer Geste zu melden. Ähnlich verhält es sich mit der Lektüre von Fachliteratur. Lehrer, die fächerbedingt in der Ferienzeit kaum mit der Korrektur von Klassenarbeiten beschäftigt sind, betonen gern, sie müssten sich in diesen Wochen aufwendig fortbilden. Dass es auch in anderen Berufen üblich ist, sich "nebenbei" am Abend, am Wochenende oder in den Ferien ihre Fachliteratur zu Gemüte zu führen, wird gerne ignoriert.

Und noch etwas möchte ich als Mutter gern mal ins Feld führen: Lehrer brauchen sich kaum je den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sie ihre Kinder in den Ferien oder am Nachmittag betreuen können. Sie haben das Privileg, nur ganz selten an die Grenze der Kita-Öffnungszeiten (17 Uhr) zu stoßen. Wer aber seine Kinder um 13 oder 14 Uhr aus der Kita abholt, muss eben auch in Kauf nehmen, abends länger am häuslichen Schreibtisch zu sitzen, weil er am Nachmittag nicht zum Arbeiten gekommen ist.

Um es klar zu sagen: Berlins Schule krankt nicht an den Lehrern. Sie krankt daran, dass es seit Jahren zu wenig Neueinstellungen gibt. Sie krankt daran, dass sie mit den Integrationsproblemen der nichtdeutschen Familien nahezu allein gelassen wird. Sie krankt daran, dass die Personaldecke nicht reicht, um kranke Lehrer zu vertreten. Sie krankt daran, dass gut gemeinte Reformen als Schnellschüsse daherkommen: Was nützt es, zum Beispiel, "Frühenglisch" vorzuschreiben, ohne dafür zusätzliche Mittel bereitzustellen? Was nutzt der neue Wahlpflichtunterricht für die fünften und sechsten Klassen, wenn er in riesigen Gruppen stattfinden muss?

Aber Lehrer sollten auch nicht den Vergleich mit anderen Berufsgruppen aus den Augen verlieren. Schließlich verdienen sie nicht schlecht und brauchen nicht um ihren Arbeitsplatz zu bangen. Ähnlich wie Redakteure beim Tagesspiegel.Aus der Tagesspiegel-Serie: Zukunft Der Berliner Schulen: Grosse Pause Und Kein Klingeln (Teil 6)

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar