Berlin : Lehrer-Fortbildung in Scharia

Schulverwaltung legt einen ersten Entwurf zum Umgang mit muslimischen Schülern vor – auch Fundamentalisten geben Rat

Susanne Vieth-Entus

Bereits vor ihrem Erscheinen gibt es Streit um die Lehrer-Handreichung zum Umgang mit muslimischen Schülern. Uneinig sind die vom Senat eingesetzten Verfasser vor allem über ein mehrseitiges Interview mit dem erzkonservativen Imam Ferid Heider, der die Gebote der Scharia als „allgemeingültig und zeitlich unbegrenzt“ würdigt. Der grüne Abgeordnete Özcan Mutlu ist „empört über die Blauäugigkeit des Senats“, der sich anschicke, eine derartige Handreichung als Orientierung für Lehrer herauszugeben.

In dem 100-seitigen Papier, dessen Entwurf dem Tagesspiegel vorliegt, nimmt das Heider-Interview immerhin acht Seiten ein. Der 29-jährige Muslim, der aus einer irakisch-polnischen Familie stammt und in den Medien wechselweise als eine Art Islam-Popstar oder als Fundamentalist geschildert wird, bezieht sowohl im Hinblick auf die Gebetspflichten als auch auf das Fasten die denkbar strengste Position: „In der Schulzeit sollte man versuchen, die fünf Gebete zu verrichten“, empfiehlt er. Deshalb rate er Jugendlichen, sich „irgend ein Eckchen“ in der Schule zu suchen.

Gefragt, ob man nicht etwa zu Prüfungszeiten das Fasten aussetzen könne, stellt Heider klar: „Islamisch kann ich das nicht rechtfertigen.“ Und er argumentiert mit Mohammed. Der habe gesagt, es sei „empfehlenswert, seine Kinder schon frühzeitig, etwa mit sieben Jahren, langsam auf das Fasten hinzuführen“. Angesprochen auf die gesundheitlichen Risiken für Kinder sagt Heider, er habe „das Gefühl, dass die Lehrer oft übertreiben“. Lediglich in Sachen „Klassenfahrten“ bezieht Heider eine andere Position als strenge oder besonders ängstliche muslimische Eltern: „Islamisch gesehen“ spreche nichts dagegen, seine Kinder auf Klassenfahrten mitzuschicken – egal ob Junge oder Mädchen, meint der Imam.

Wie berichtet, tagt der Arbeitskreis „Islam und Schule“ bereits seit über zwei Jahren. Islam-Kritikerinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates machen längst nicht mehr mit. Mehr Durchhaltevermögen bewiesen unter anderem der deutsche Islamwissenschaftler Stephan Rosiny, der das Heider-Interview verfasste, und Burhan Kesici von der Islamischen Föderation. Kesici äußert sich in dem Entwurf in Sachen „Fasten“ etwas liberaler als Heider und macht auch praktikable Vorschläge. Wenn sich die Kinder partout nicht vom Fasten abhalten ließen, dann sollten Tests möglichst so organisiert werden, „dass sie nicht in die Fastenzeit fallen oder zumindest in den frühen Morgenstunden stattfinden“, empfiehlt Kesici.

Der grüne Bildungspolitiker Özcan Mutlu findet, der Senat sei „nicht gut beraten“, wenn „Personen wie Kesici und Heider“ derart breit in einer Handreichung für Lehrer zu Wort kämen, denn „diese Personen“ seien „Repräsentanten des politischen Islam und haben eine Nähe zu diversen radikalen Sekten des Islam und sind für mich die Letzten, die ich in Berlin konsultieren würde. Die Blauäugigkeit des Senats schockiert mich“, sagt Mutlu.

Auch Johannes Kandel ist nicht zufrieden mit manchen Passagen der Handreichung. Der Referatsleiter für interkulturellen Dialog bei der Friedrich-Ebert-Stiftung ist Mitglied des Arbeitskreises und ebenfalls irritiert über manche Aussagen der Handreichung. Er erwartet, dass den Lehrern einige erklärende Angaben zur Person Heiders gegeben werden, damit sie das Interview einordnen können. Sie sollten etwas erfahren über Heiders religiös-politische Ausrichtung, die in der Grauzone zwischen konservativ-orthodox und fundamentalistisch liege, findet Kandel. Auch sei es bedenklich, das Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung in Wedding und das Islamische Kultur- und Erziehungszentrum in Neukölln – beides Wirkungsstätten des Imams Heider – ohne Hinweise auf die ideologische Ausrichtung als Ansprechpartner in den Kiezen zu empfehlen.

Islamwissenschaftler Stephan Rosiny nimmt die Kritik am Heider-Interview ernst. Er sei selbst überrascht gewesen von den Ansichten, die Heider geäußert habe. „Ich hätte mir an manchen Stellen liberalere Antworten gewünscht“, räumt Rosiny ein. Zur Not könnte er damit leben, dass das Interview nicht erscheint, sagt der Wissenschaftler, allerdings würde er es bedauern, „denn man muss den Lehrern diese Argumente zeigen“. Zudem sei Heider auf seinem Gebiet eine „wichtige Persönlichkeit mit großem Einfluss“, den man nicht ohne weiteres ausklammern sollte, findet Rosiny. Letztlich müsse das aber „die Senatsverwaltung für Bildung entscheiden“. Und Rosiny erinnert daran, dass der Arbeitskreis nicht zusammengetreten sei, „um zu entscheiden, ob der Islam gut oder schlecht sei, sondern um Konflikte zu entschärfen“.

Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall verteidigt das Interview Heiders bislang damit, dass sich „viele angesprochen fühlen sollen“. Allerdings könnte er sich vorstellen, dass man Kandels Vorschlag folgt und nähere Angaben zur Person Heiders gibt, um den Lehrern die Einordnung zu erleichtern.

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