Berlin : Lehrer im Fitness-Test

Immer mehr Pädagogen klagen über Burn-out Ursachen sind früh zu erkennen – vor dem Studium

Susanne Vieth-Entus

Wer mit dem Gedanken spielt, Lehrer zu werden, sollte sich vorher über seine Eignung Klarheit verschaffen. Andernfalls könnte es sein, dass er sich eines Tages im Heer der von Burn-out bedrohten Pädagogen wiederfindet, von denen es in Berlin rund 20 000 und bundesweit rund 400 000 gibt. Um ungeeignete Lehramtsstudenten oder Abiturienten von dem Berufsziel abzubringen, haben Wissenschaftler der Universität Potsdam einen Fragebogen entwickelt, der Auskunft über das Burn-out-Risiko geben kann. Gestern wurde er in Berlin vorgestellt.

Unter der Motto „Fit für den Lehrerberuf?!“ sind 21 Fragen angeführt, deren Beantwortung Auskunft über jeweils ein bestimmtes individuelles Merkmal geben soll. So erhält man am Ende Informationen über die eigenen Eigenschaften in Bezug auf Frustrationstoleranz, Humor, Verantwortungsbereitschaft, Stressresistenz, Anstrengungsbereitschaft, stimmliche Möglichkeiten, Flexibilität, didaktisches Geschick, Sicherheit im Auftreten bis hin zur Entspannungsfähigkeit. Ergänzend gibt es Hilfe bei der Auswertung des Fragebogens, indem man die eigenen Ergebnisse mit denen erfolgreicher Lehrer vergleichen kann.

Wie wichtig es ist, rechtzeitig ungeeignete Studenten von der Berufswahl „Lehrer“ abzuhalten, hat der Verfasser der Studie, Uwe Schaarschmidt, seit dem Jahr 2000 erforscht. Er war es, der – zunächst im Auftrag Brandenburgs, dann im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes – bundesweit rund 16 000 Lehrer wegen Burn-out untersucht hat. Nachdem er vor drei Jahren zu dem Ergebnis gekommen war, dass rund zwei Drittel der Lehrer entweder von diesem Syndrom bedroht oder schon davon betroffen sind, erhielt er den Auftrag, nach Auswegen aus dem Dilemma zu suchen.

Schnell war klar, dass es Lehrer gibt, die bei gleicher Belastung sehr unterschiedlich gestresst sind. Es stellte sich heraus, dass das Befinden der Lehrer erheblich vom Zuspruch und von den Mangagementfähigkeiten der Schulleiter abhängt, vom eigenen Zeitmanagement, aber auch von der jeweiligen Persönlichkeit. Und es kam heraus, dass man potenzielle Burn-out-Kandidaten schon im Studium und Referendariat erkennen kann. Nur leider – bisher hält sie niemand davon ab, diesen für sie ungeeigneten Beruf auch zu ergreifen. Der von Uwe Schaarschmidts Team entwickelte Fragebogen, der ab Frühjahr 2007 für jeden erhältlich sein wird, wäre da immerhin ein Anfang.

Lehrer, die aktuell über Überforderung klagen, erwarten von der besseren Auswahl der Junglehrer aber keine wirkliche Lösung. Auch geeignete Pädagogen seien burn-out-gefährdet angesichts der großen Klassen, der vielen Pflichtstunden, der ständig neuen Anforderungen, aber auch wegen Mängeln wie den schlechten Arbeits- und Regenerationsmöglichkeiten in den winzigen Lehrerzimmern, sagt Detlef Heidinger. Der Lehrer des Lichterfelder Goethe-Gymnasiums hatte kürzlich eine Welle sogenannter Überlastungsanzeigen ausgelöst, die von Kollegien an den Bildungssenator geschickt wurden (wir berichteten). Noch habe Jürgen Zöllner nicht reagiert, aber Heidinger erhofft sich zumindest einen Rundbrief aus der Feder des Senators, in dem er auf die Belastung der Lehrer eingeht.

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