Berlin : Lehrer light – Böger will Kräfte ohne Referendariat einstellen

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) will dem drohenden Lehrermangel begegnen, indem er Hochschulabsolventen ohne Referendariat einstellt. Sie bekommen von Anfang an ein normales Lehrergehalt, müssen aber berufsbegleitend das Referendariat nachholen. Dies war bisher nur in Berufsschulen möglich. Der entsprechende Gesetzentwurf, der dem Tagesspiegel vorliegt, soll noch 2004 das Abgeordnetenhaus passieren und für alle Mangelfächer gelten.

Um den Bewerberkreis möglichst groß zu halten, kommen alle Fachleute in Betracht, deren Hochschulprüfung nicht länger als fünf Jahre zurückliegt oder die in den letzten fünf Jahren eine „mindestens dreijährige einschlägige berufliche Tätigkeit nachweisen können“. Dies bedeutet, dass etwa ein Informatiker oder Diplomphysiker, der zum Zeitpunkt der Bewerbung zwei Jahre arbeitslos war, zum Zuge kommen könnte.

Um berufsbegleitend das Referendariat absolvieren zu können, soll die Unterrichtsverpflichtung reduziert und auf drei Tage konzentriert werden, heißt es zur Erläuterung in der Senatsverwaltung für Bildung. An den anderen beiden Tagen müssten Seminare besucht werden.

Böger hat angesichts des immensen Einstellungsbedarfs in den kommenden Jahren kaum eine andere Wahl, als die Aufnahmeregularien zu liberalisieren. Denn der Mangel wird bald von Informatik, Englisch, Latein oder Physik auf andere Fächer übergreifen: Ab 2005 müssen jährlich rund 1000 Lehrer eingestellt werden.

Allerdings war der Lehrermangel seit Jahren absehbar. Um kurzfristig Geld zu sparen, wurden Referendariatsplätze verknappt, wurden selbst Bewerber in Mangelfächern jahrelang hingehalten. Noch im Juli verabschiedete sich ein frisch ausgebildeter Informatiklehrer samt mit „sehr gut“ bestandenem Referendariat nach Niedersachsen, weil die Bildungsverwaltung ihm schlechte Bedingungen bot (wir berichteten).

FU-Präsident Dieter Lenzen hält es für fatal, wenn jetzt massenhaft Lehrer an die Schulen kommen, die im Studium keine Grundlage für die Diagnose von Schülerleistung, für den Umgang mit Phänomenen wie dem ADS-Syndrom oder für Fachdidaktik erhalten haben. Die geplante Gesetzesänderung offenbare die „Geringschätzung einer der schwierigsten Bereiche akademischer Tätigkeit“. Jetzt haben noch Senat und Abgeordnetenhaus die Möglichkeit, mit Gegenvorschlägen zu kontern. Allerdings sagte Mieke Senftleben von der FDP, der Lehrermangel lasse wohl kaum einen anderen Ausweg zu als den von Böger eingeschlagenen.

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