Berlin : Lehrer verklapst

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über den Segen

der Sommerferien für die Politik

Einst waren die langen Sommerferien ein besonderes Privileg des Lehrerberufs. Einst. Denn jetzt werden die sechs Wochen von den Politikern gern dazu genutzt, die Lehrer über den Tisch zu ziehen: Wenn die Schulen leer sind, gibt es auch keine organisierten Proteste. Darin lag wohl auch der besondere Charme des Zeitpunkts der überraschenden Tarifeinigung zwischen Wowereit und Bsirske. Denn die beamteten Lehrer werden dabei nach Strich und Faden verklapst, man bricht Zusagen in einer Art, die bei Orchestermusikern oder Müllwerkern den sofortigen (und legitimen) Streik zur Folge hätte. Aber es sind ja Sommerferien…

Halten wir fest: Die Berliner Lehrer haben es mit immer schwierigeren Schülern zu tun, sie arbeiten mit veralteten Materialien in zum Teil baufälligen Schulen, bilden sich auf eigene Kosten in der Freizeit fort. In den letzten Jahren ist ihre Pflichtstundenzahl permanent erhöht worden, und in gleichem Maße stieg der Druck auf ihre Arbeit durch die desaströsen internationalen Bildungsvergleiche. Diesmal ging es um das Versprechen, die letzte Erhöhung der Pflichtstundenzahl rückgängig zu machen, sobald der Solidarpakt stehe. Nun steht er – und alles, was die beamteten Lehrer bekommen, sind zwei Vorbereitungstage weniger: blanker Hohn.

Der Clou aber ist der neue Maulkorberlass, mit dem der Schulsenator den immer stärker in die Öffentlichkeit getragenen Zorn der Schulleiter kontrollieren möchte. Wie heißt es darin so schön unfreiwillig enthüllend? „Die Pressestelle hat (…) die Aufgabe, einen gesteuerten und widerspruchsfreien Kontakt unserer Senatsverwaltung (…) mit den Medien sicherzustellen.“ Widerspruch möchte man nicht hören im Hause Böger. Ungesteuerten schon gar nicht. (Seite 10)

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