Berlin : Lehrstellenvermittlung: "Soziales Defizit" erleichtert Förderung

Jeannette Goddar

Wenn sie das Wort "Ferienstimmung" hören, können 13 von 16 Schülern der Klasse 10 a an der 1. Hauptschule in Weißensee nur mit dem Kopf schütteln. Für sie beginnt mit den Sommerferien nicht in erster Linie die schulfreie Zeit - sondern die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Noch kurz vor Ferienbeginn hatten gerade einmal drei Schüler in der Klasse eine Lehrstelle. "Die Lage ist schlimm", sagt die Lehrerin Katrin Lokaiczyk, "seit einem Jahr setzen wir uns mit den Schülern hin, trainieren Bewerbungen-Schreiben und Vorstellungsgespräche - und es kommt kaum etwas dabei heraus."

Die 18jährige Aileen Stuhlert wartet nur noch auf eine einzige ausstehende Antwort. Über 20 potenzielle Arbeitgeber, bei denen sie sich um eine Lehrstelle als Einzelhandels-, Bürokauffrau oder auch als Tankwart beworben hatte, haben abgesagt, ohne Begründung. Dabei ist ihr Zeugnis nicht so schlecht. Das Problem sind wohl eher ihre Fehlzeiten, sagt auch Aileen. Insgesamt 15 Tage hat sie sich im ersten Halbjahr nicht in der Schule blicken lassen. Dennoch ist sie sich sicher, dass sie zu ihrer Ausbildung pünktlich erschienen wäre: "Dafür kriegt man schließlich Geld." Dass viele Schüler in der Ausbildung plötzlich einen nicht geahnten Grad an Zuverlässigkeit an den Tag legen, bestätigt allerdings auch Schulleiterin Carla Werkentin: "Manche erkennen Sie überhaupt nicht wieder."

Wenn auch die letzte Absage gekommen ist, wird Aileen Stuhlert wie auch ihr Mitschüler Patrick Zeuge in eine berufsvorbereitende Maßnahme verwiesen - vermutlich mit der für die Finanzierung notwendigen Begründung, sie sei "sozial benachteiligt", weil sie in einer betreuten Jugendwohngemeinschaft wohnt. "Das ist ein ganz typischer Fall", sagt Werkentin, "Jugendliche, die geltend machen können, dass sie auffällig sind, egal ob durch Probleme in der Familie oder weil sie vorbestraft sind, kommen irgendwo unter - und die ganz normalen Hauptschüler bleiben auf der Strecke."

Auch die Schüler berichten von Bekannten, die sich nach erfolgloser Lehrstellensuche mit allen möglichen Tricks zu "Benachteiligten" erklärt haben, um noch einen Platz zu ergattern. Angesichts der fast aussichtslosen Lage für Hauptschüler fordert Werkentin deshalb, die so genannten Benachteiligtenprogramme auch für Hauptschüler zu öffnen. Dass diese angesichts des Überangebots an Bewerbern nur noch in Ausnahmefällen Chancen auf eine ganz normale Lehrstelle haben, beklagen seit Jahren die Berufsberater.

In der Tat wird in den vergangenen Jahren eine immer größere Zahl von Jugendlichen in staatlich geförderten Maßnahmen untergebracht. Fast 6000 Jugendliche vermittelte das Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg im vergangenen Jahr in Lehrgänge "zur Verbesserung beruflicher Bildungs- und Eingliederungschancen". Beinahe 5000 "lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte" wurden als Auszubildende bei Bildungsträgern untergebracht. Jene, die lediglich eine berufsvorbereitende Maßnahme absolvieren, tauchen im kommenden Jahr wieder auf dem Ausbildungsmarkt auf. Auch für dieses Jahr geht man beim Landesarbeitsamt davon aus, dass jeder zweite der über 27 000 Lehrstellenbewerber ein so genannter Altnachfrager ist.

Das Angebot an staatlichen Maßnahmen ist selbst für Experten oft verwirrend. "Selbst für uns Professionelle ist es nur noch schwer zu überblicken", sagt Stoof-Sasse, Abteilungsleiterin beim Arbeitsamt Kreuzberg, "für Jugendliche ist es völlig undurchsichtig." Tatsächlich setzten viele staatliche Maßnahmen voraus, dass irgendein "soziales Defizit" vorliegt. Die Tendenz gehe allerdings dahin, den Begriff relativ weit auszulegen: "Wer einen Hauptschulabschluss hat und mit nur einem Elternteil in einem schwierigen Wohnviertel wohnt, kann da schon reingehören", sagt Stoof-Sasse.

An der Hauptschule in Weißensee wird deutlich: Auch wenn einige sich nur darauf verlassen, dass irgendwer sie schon vermitteln wird - die größte Vorfreude packt doch die, die eine Lehrstelle bekommen haben. Der 17-jährige Thomas Müller zum Beispiel hat eine, wenn auch durch private Beziehungen: "Ich werde Kfz-Mechaniker. Das ist genau das, was ich schon immer machen wollte."

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