Leibniz-Nacht der Wissenschaften : Forschung, die sich einmischt

Über 30 Leibniz-Institute sind in der Hauptstadtregion vertreten – zur Langen Nacht der Wissenschaften stellen sie ihre Arbeit vor.

Bettina Mittelstrass
Die Nasssammlung des Museums für Naturkunde in Berlin-Mitte umfasst rund eine Million Fische, Spinnen, Krebse, Amphibien und Säugetiere in 276 000 Gläsern mit Alkohol.
Die Nasssammlung des Museums für Naturkunde in Berlin-Mitte umfasst rund eine Million Fische, Spinnen, Krebse, Amphibien und...Foto: Promo (MfN, Carola Radke)

Die Leibniz-Einrichtungen in der Region sind nicht zu verfehlen – denn es sind einfach so viele: 21 Leibniz-Institute haben ihren Hauptsitz in und um Berlin, acht halten Außenstellen in Berlin und Brandenburg und drei weitere ein Büro. Die Besucher der Langen Nacht der Wissenschaften haben die Qual der Wahl: Wollen sie sich über Gesundheit oder Gewässer informieren, über Städtebau oder Gestein? Über Landwirtschaft, Umwelt, Wirtschaft, Bildung oder Botanik?

Keine andere Wissenschaftsorganisation ist mit so vielen Einrichtungen in Berlin und Umgebung vertreten. Sie alle eint der blaue Schriftzug „Leibniz-Gemeinschaft“ mit der Unterschrift des berühmten Philosophen. Wo Leibniz forscht, suchen die Wissenschaftler Kontakt zur Gesellschaft – und zur Politik. In und um die Hauptstadt konzentriert sich daher Leibniz- Forschung und repräsentiert zugleich die Leistungsfähigkeit aller 86 bundesweit verteilten Institute.

„Wir haben ein Mandat, Grundlagenforschung, Anwendung und Vermittlung zusammenzubringen. Das entspricht moderner Wissenschaft“, sagt Karl Ulrich Mayer, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Während andere Wissenschaftsorganisationen eher auf reine Grundlagen- oder Industrieforschung und Spezialisierung setzen, bedeutet Leibniz also auch: große Forschungsmuseen, die wie das Berliner Naturkundemuseum nicht nur sammeln, bewahren und ausstellen, sondern auch in ihren Sammlungen suchen, entdecken und Gefundenes erklären.

Leibniz heißt Gesundheitsforschung wie am Rheumaforschungszentrum der Charité, das weltweit kooperiert und konkrete Hilfe für Betroffene verspricht. Leibniz steht für Wirtschaftsforschung, die wie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin auf breite Zusammenarbeit und Beratung setzt. Aber auch für Klimaforschung wie in Potsdam, die aktiv die Politik unterstützt. Die Kompetenz der Einrichtungen bündelt sich in fünf Schwerpunkten: Bildung und kulturelles Erbe, Wirtschaft und sozialer Raum, Leben, Natur und Technik und schließlich Umwelt. Die Berliner und Brandenburger Institute bilden diese Vielfalt ab. Allein entlang der Invalidenstraße lassen sich zur Langen Nacht wissenschaftliche Aktivitäten aus allen fünf Sektionen entdecken.

Ein typisches Merkmal der Leibniz-Forschung: Sie überlässt gesellschaftspolitisch wichtige Fragen wie Klima und Umwelt nicht Spezialisten, sondern kombiniert Kompetenzen innerhalb und zwischen Instituten. Leibniz-Einrichtungen sind selbstständig, kooperieren aber eng miteinander. Dafür steht auch die Gründung großer Forschungsverbünde mit im Schnitt 15 Partnerinstituten. Sie legen ihre wissenschaftliche Expertise zusammen – für Bildungspotenziale, für Biodiversität, für gesundes Altern, nachhaltige Lebensmittelproduktion, Krisen in der globalen Welt, den Umgang mit Vergangenheit oder für Nanosicherheit. Zweck der Netzwerke ist die bessere Übertragung von Wissen in die Gesellschaft zu deren Nutzen.

Die zielgerichtete Selbstorganisation macht die Leibniz-Gemeinschaft leistungsfähig. Am Anfang stand 1977 eine „Blaue Liste“ mit 46 Forschungsinstituten, die von Bund und Ländern finanziert wurden. Das blaue Papier der Liste gab dem neuen Förderprojekt seinen Namen. Für die Aufnahme der Institute in die Liste spielte deren überregionale Bedeutung als zentrale Dienstleister für Wissenschaft und Gesellschaft eine Rolle – ihr Charakter als außeruniversitäre Fachinformationszentren. Gefördert wurden zum Beispiel wichtige Spezial- und Zentralbibliotheken, etwa für Wirtschaft oder Medizin, in Berlin das international renommierte Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, aber auch Wirtschaftsforschungsinstitute wie das Ifo in München, das RWI in Essen und das DIW.

Nach der deutschen Wiedervereinigung verdoppelte sich die Anzahl der Institute nahezu. In Berlin gehen acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftliche Leibniz-Einrichtungen auf Institute der Akademie der Wissenschaften der DDR zurück. Sie bilden den Forschungsverbund Berlin, der unter anderem Forschung über Hochfrequenztechnik, Optik oder Festkörperelektronik unter seinem Dach vereint. Mit der Gründung einer ersten Arbeitsgemeinschaft 1991 begann die Zusammenarbeit aller. Vier Jahre später stand der Name des Philosophen, Physikers, Historikers und Politikers Gottfried Wilhelm Leibniz der Gemeinschaft aller Institute Pate für eine Wissenschaft mit universalem Geist. Damit begann die Profilbildung, so Mayer: „Leibniz-Forschung ist heute exzellent und sozial, ökonomisch und ökologisch relevant.“

Das Herz der Leibniz-Gemeinschaft, die Geschäftsstelle, liegt seit 2012 mitten in Berlin – die einzige deutsche Wissenschaftsorganisation, die ihren Hauptsitz in der Hauptstadt hat. Auch hier zeigt sich die bewusste Anbindung der Forschungseinrichtungen an gesellschaftliche Debatten und Ziele. Die Geschäftsstelle in der Chausseestraße 111 bietet den regionalen und bundesweit verteilten Leibniz-Instituten repräsentative Räumlichkeiten. „Es ist unglaublich, wie stark dieses Angebot wahrgenommen wird. Wir haben jeden Tag mehrere Veranstaltungen“, sagt Karl Ulrich Mayer begeistert. Das bedeutet noch mehr Präsenz von Leibniz-Forschung in Berlin und die Stärkung der Forschungszusammenarbeit für die Herausforderungen der Zukunft.

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