Berlin : Leichte Beichte

Fast wie bei den Katholiken: Im Berliner Dom können künftig auch die Protestanten die Absolution erhalten – aber ohne Rosenkranz

Claudia Keller

Berlins Protestanten müssen mit ihren Sünden nicht mehr alleine zurecht kommen. Künftig können sie jeden Mittwoch zwischen 16 und 17 Uhr im Dom am Lustgarten beichten, zum ersten Mal am heutigen Mittwoch, schließlich ist Buß- und Bettag. Pfarrer Ralf Wüstenberg vom Berliner Dom will mit den Sündern nicht nur ein seelsorgerisches Gespräch führen, sondern ihnen eine richtige Beichte abnehmen und ihnen am Ende die Absolution erteilen: „In der Vollmacht, die der Herr seiner Kirche gegeben hat, spreche ich dich los: Dir sind deine Sünden vergeben. Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Anders als bei den Katholiken werden keine Bußübungen wie Rosenkranzbeten aufgegeben. Wüstenberg meint, eine solch institutionalisierte Beichtmöglichkeit für Evangelen gebe es bisher in Deutschland nicht. Auch die EKD in Hannover weiß davon nichts.

Luthers Nachfolger sind nicht gerade als große Beichter bekannt. „Aber das ist ein großes Missverständnis“, sagt Wüstenberg, „Protestanten müssten ihre Sünden nicht alleine im Gebet mit Gott abmachen.“ Luther habe an der Beichte als festes Ritual der Vergebung sehr wohl festgehalten, er habe lediglich den Status der Beichte als Sakrament abgeschafft, und das auch erst 1530. „Dass man die Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfange als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel“, zitiert die EKD den Reformator.

Wüstenberg lädt aber nicht aus kulturhistorischen Gründen künftig mittwochs zur Beichte, sondern weil er immer häufiger nach den Gottesdiensten gefragt werde, ob man beichten könne – besonders von jungen Leuten, die sich wegen Verfehlungen in der Ehe und in Partnerschaften schuldig fühlten. Auch Bernhard Felmberg, der sich in der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg mit Fragen der reformatorischen Theologie beschäftigt, bestätigt das wachsende Bedürfnis der Gläubigen nach festen Ritualen der Vergebung.

Wüstenberg will die Beichte im Dom am Petrusaltar abnehmen. Zunächst sollen provisorisch aufgestellte spanische Wände Anonymität garantieren. Wüstenberg kann sich aber auch vorstellen, von der Katholischen Kirche ausrangierte Beichtstühle zu übernehmen, falls den Beichtenden die spanischen Wände nicht genügen. Wer seine Sünden nicht einzeln aufzählen will, könne auch mit Wüstenberg gemeinsam ein Beichtbekenntnis sprechen und dabei an seine Verfehlungen denken. Dann betet Wüstenberg mit ihm und erteilt schließlich die Absolution. Da die Beichte bei den Protestanten kein Sakrament ist, muss sie nicht unbedingt ein ordinierter Pfarrer abnehmen. „Wenn viele mittwochs kommen, können wir uns vorstellen, dass auch andere Kirchenmitarbeiter oder Ehrenamtliche die Beichte abnehmen.“ Allerdings ist nur ein ordinierter Pfarrer an das Beichtgeheimnis gebunden.

Auch bei den Katholiken kommt die Beichte wieder in Mode – wenn sie mit besonderen Anlässen verknüpft ist. Beim Weltjugendtag im vergangenen Jahr seien hunderttausende Jugendliche zur Beichte gegangen, sagt Bistumssprecher Stefan Förner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben