Berlin : Leichte Muse – schweres Geschäft

Die finanzielle Schieflage von Friedrichstadtpalast und Wintergarten zeigt: Varieté- und Revuetheater sind in der Krise. Doch es geht auch anders

Udo Badelt

Für die Berliner Unterhaltungsbranche begann dieser Sommer mit einer schlechten Nachricht – und er endete auch mit einer. Am 11. Juni meldete der Wintergarten Insolvenz an, nachdem er erst 2007 von Frank Reinhardt übernommen worden war. Und Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass der Friedrichstadtpalast ein Landesdarlehen von 3,5 Millionen Euro braucht, um in zwei Jahren – hoffentlich – finanziell auf festeren Füßen zu stehen. In beiden Fällen geht es um Geld, nicht um Kunst. Doch beide Fälle verweisen auf tiefere, auch künstlerische Probleme. Wollen noch genügend Leute Varieté und Revue sehen? Oder hat sich hier eine Kunstform überlebt?

Antworten findet man im Wintergarten. Dort wurde das Varieté nach seiner Blütezeit in den 20er Jahren überhaupt erst wieder neu für die Gegenwart geboren. 1992 eröffneten André Heller und der Gründer des Zirkus Roncalli, Bernhard Paul, das Haus in der Potsdamer Straße. Am Anfang war die Neugier groß, in den ersten Jahren kamen über eine Million Besucher, es gab Nachahmer in anderen Städten. Doch mit der Jahrtausendwende kehrte sich der Trend um, die Zuschauerzahlen gingen zurück, und obwohl man 2007 wieder schwarze Zahlen schreiben konnte, reichte das nicht, um die umsatzschwachen Sommermonate zu überstehen. Die Auslastung rutschte im Juli und August teilweise unter die 50 Prozent – für einen wirtschaftlichen Betrieb viel zu wenig.

Gründe dafür gibt es viele. Sobald es warm wird, gehen die Berliner überall hin, nur nicht ins Theater. Seit 2006 ist außerdem ein neuer, mächtiger Konkurrent erwachsen: König Fußball. Den gibt es zwar schon lange, aber die WM im eigenen Land hat einen Emotionalisierungsschub bewirkt, der bis zur EM dieses Jahr anhielt. Mittlerweile planen die Theater im Zwei-Jahres-Rhythmus. Hinzu kommt ein Gewöhnungseffekt. In den 90er Jahren war Varieté vollkommen neu. Nach den geistigen Verwüstungen der 30er Jahre und dem Untergang des ersten Wintergartens im Bombenkrieg hatte es in Deutschland jahrzehntelang kein Varieté gegeben und damit auch keine Tradition, an der man sich hätte messen können. Ein Jongleur und ein bisschen Akrobatik reichten schon, damit beim Publikum die Münder offen standen. Das ist vorbei. Die Besucher wollen nicht nur austauschbare Nummern ohne Handlungsstrang aneinandergereiht sehen. Gerade in Berlin ist die Konkurrenz an Veranstaltern riesig. Hier werden Angebote abgesetzt, die woanders noch lange laufen würden.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Bustourismus. Dank Pauschalangeboten, Übernachtung und Showbesuch inklusive, garantierte früher jeder Bus gleich Dutzende von Gästen. Auch dadurch konnte der ehemalige Intendant des Friedrichstadtpalastes, Alexander Iljinskij, Auslastungen von bis zu 95 Prozent erzielen. Busreisen war die unschlagbar billigste Reiseform. Heute kommt man aber mit dem Flugzeug häufig viel günstiger nach Berlin. Wegen der hohen Spritpreise geraten die Reiseveranstalter in Bedrängnis und streichen als Erstes den Showbesuch aus dem Paket. Dafür nimmt der Individualtourismus zu. Frank Reinhardt merkt das daran, dass Tickets für den Wintergarten viel kurzfristiger gebucht werden. Sein Kollege Berndt Schmidt, seit 2007 Intendant des Friedrichstadtpalastes, ist Zweckoptimist: Er glaubt, dass die Individualtouristen die Pauschalreisenden ersetzen können. Es ist ein Kampf um jeden Besucher.

Andere Bühnen wie das Tipi am Kanzleramt oder die Bar jeder Vernunft, die ohne öffentliche Finanzhilfe wirtschaften müssen, kennen das längst. „Varieté entspricht nicht dem Zeitgeist“, sagt Wolfgang Jansen, Präsident des Verbands Deutscher Varietétheater. „Dennoch gibt es ein festes, stabiles Publikum für dieses Angebot. Das muss man nur erreichen.“ Die Blue Man Group hat es geschafft, indem sie die Genres mischt und sich selbst als eine Art Marke etabliert hat. Und auch für das Chamäleon in Mitte geht es aufwärts. Die Auslastung lag 2007 bei 70 Prozent, dieses Jahr wird es vermutlich ähnlich sein. Wie in einem Labor entsteht hier die unterhaltende Kunst für ein nachgewachsenes, großstädtisches Publikum neu. Die Künstler sind nicht nur für ein oder zwei Nummern zu sehen, sondern gestalten den Abend als Multitalente, die tanzen, singen oder Saxofon spielen. „Kunstformen können sich nicht überleben, nur wandeln, da sich ja auch die Leute, die sie machen, ständig ändern“, sagt Chamäleon-Direktorin Anke Politz.

Die Schlachtschiffe Wintergarten und Friedrichstadtpalast haben schon umgesteuert, zumindest sehen sich die Macher mit ihren aktuellen Shows auf neuem Kurs. Bei „Hotel California“ sind die Besucherzahlen im Wintergarten wieder leicht gestiegen, auch das begehrte Publikum 30 plus findet den Weg dorthin. Und dass am 1. September das Insolvenzverfahren überhaupt eröffnet wurde, ist für Frank Reinhardt ein Erfolg. Ende Oktober treffen sich die Gläubiger, um über die Vorschläge der Insolvenzverwalterin zu beraten. Reinhardt plant derweil weiter. Sein Haus steht für die große Vergangenheit des Varietés. Seine Zukunft wird möglicherweise woanders stattfinden.

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