Berlin : Leinenzwang im Grunewald?: Aufstand im Hundeparadies

Christoph Stollowsky

Joachim II von Brandenburg hätte seine Hunde hier gewiss nicht an die Leine genommen. 1542 ließ der Kurfürst im Hain am See das Schlösschen "Zum grünen Wald" bauen - später "Jagdschloss Grunewald" genannt. Und die Gegend rund um den heutigen Hundekehlen- und Grunewaldsee hieß in Joachims Tagen "Hundequele". So bezeichnete man die Sammelstelle der Meute vor einer Treibjagd. Von hier aus stürzte sie wedelnd los - wie im Jahr 2001 die Stadthunde ins größte Berliner Auslaufgebiet an den Grunewaldseen. Doch nun sollen ihre Frauchen und Herrchen bei diesem Vergnügen auf allen Uferwegen mit ihren Vierbeinern an der Leine ringen. Wie berichtet, will die Forstverwaltung dort einen Leinenzwang durchsetzen.

Zum Thema Ted: Leinenzwang an den Grunewaldseen? "Zum Schutze von Menschen, die sich durch Hunde belästigt fühlen", so lautet die Begründung. Eine mehr als 70-jährige Tradition würde damit teilweise beendet. Schließlich durften Hunde schon in den zwanziger Jahren im Wald und entlang der Seen frei herumtoben, während man sie im übrigen Stadtgebiet durch Leinenzwang in Parks bremste. Mehr als 150 000 Schnauzen lebten zu Beginn der dreißiger Jahre in der Stadt, die Probleme waren ähnlich wie heute, weshalb eine Zeitungsmeldung von 1937 den Hundefreunden unter der Überschrift "Ohne Maulkorb und Leine" Orientierungshilfe gab. Sie fasste die damaligen Auslaufgebiete zusammen und begann im Südosten: "Im Grunewald südöstlich von Bahn und Avus zwischen Hundekehle und Schlachtensee."

Ein Wald mit Privilegien für die Vierbeiner wirkt naturgemäß wie ein Magnet. In Scharen gehen die Tiere und ihre Herrschaft dort an schönen Sommertagen auf Wanderschaft. Für den Grunewaldsee haben sie allerdings eine Vorliebe entwickelt. Rundherum ist das ihr Treffpunkt "Nummer 1", schon allein wegen der Hundebadestelle, die in jedem Reiseführer erwähnt wird: einer europaweit einzigartigen Attraktion für Hundefreunde. An der Krummen Lanke und am Schlachtensee sind dagegen nicht mehr Vierbeiner unterwegs als an der Havelchaussee oder im Tiergarten.

Keine Frage also, Berlins Hundeszene kämpft vor allem gegen die Vertreibung aus ihrem Paradies am Grunewaldsee. Unterschriften werden gesammelt, Protestbriefe verfasst. Und der Hinweis der Forstleute, im weitaus größeren Teil des Auslaufgebietes abseits der Seen dürften die Tiere ja auch künftig herumtollen, wird keineswegs als Trost empfunden. Damit ist das Waldgebiet zwischen Wasser und Avus gemeint. Doch den Hundefreunden reicht der Blick auf die Kiefern nicht. "Wir lassen uns nicht verdrängen", sagt Dagmar Furchert aus Schöneberg, die Initiatorin des Protestes. "Der Spaziergang mit Hund ist unsere Erholung. Beiden macht das nur Spaß ohne Leinengezerre - und natürlich gehört die Idylle am See dazu."

Also wünscht sich Dagmar Furchert, "dass alles so bleibt, wie es sich seit Jahrzehnten bewährt hat" - und meint damit den eingespielten Status quo: Wer Hunde grässlich findet, umrundet in der Regel die Nachbarseen. Am Grunewaldsee präsentiert sich Berlin dagegen als Stadt mit Schnauze. Seine Ufer ähneln an Sonntagen einem Festivalgelände für Hundefreunde und deren Lieblinge. Ein häufig beschriebenes Kuriosum. Nirgendwo lässt sich die Kommunikation unter Hunden und ihrer Herrschaft sowie zwischen Herr und Hund besser beobachten als in Berlins populärem Schnauzentreff. Zwischen "Sitz", "Fuß" und "Platz" hat schon mancher Hunde-Fan oder -Hasser seinen Stoff für feuilletonistische Betrachtungen gefunden.

Auch die Forstverwaltung beschreibt die Situation und wählt dafür düstere Farben. Sie spricht von geschädigten Bäumen "in Pinkelstrahlhöhe", von aufgeschrecktem Niederwild und Beschwerden über die Heerschar der Schnauzen. Deshalb wollen die Forstverwalter die große Freiheit für Hunde auf den Uferwegen noch in diesem Jahr außer Kraft setzen. Über ihren Antrag muss nun die Senatsverwaltung für Umweltschutz entscheiden. Ob Senator Peter Strieder (SPD) zustimmt, ist offen. Einen generellen Leinenzwang für Hunde in ganz Berlin hat er zumindest mehrfach abgelehnt. Doch Strieder muss in den Tagen des Regierungssturzes erst einmal die eigene Partei an die kurze Leine nehmen.

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