Berlin : Leinenzwang

Annette Kögel

Es sind die Tage, in denen der Sturm Blätter durch die Luft wirbelt wie Konfetti. Die Wochen, in denen Väter mit Genickstarre vom Sonntagsausflug nach Hause kommen. Die Zeit, in der mancher das Auto mit aufs Feld nimmt und die Nabelschnur des luftigen Sportgeräts um seine Anhängerkupplung wickelt: wie sonst kann man hunderte Kilo Zugkraft an der Leine am Boden halten? Herbstzeit - Drachenzeit.

Oliver Kleinschmidt, 35, aus Friedrichshain, lässt seine Söhne und sich gern im Britzer Garten vom Winde verwehen. "Ich habe schon früher an der Nähmaschine gehangen und die Dinger selber gebaut." Aber nur Lenkdrachen, die man am Himmel dirigieren kann. "Ich stehe nicht gern nur einfach so auf dem Feld rum." Sein Meisterstück hat heute noch einen Ehrenplatz im Keller. Blau ist der Drachen, "und sieht total basic aus". Soll heißen: unauffällig, aber mit Biss. Wie ein Porschemotor unter der Käfer-Haube.

Heute findet man nur noch selten schlichte Plastik-Rauten mit Adlergefieder im Regal. Beim Drachenladen "Vom Winde verweht" in der Eisenacher Straße 81 in Schöneberg liegen auch einfachere Modelle für ein paar Mark in den Regalen. "Das Vergnügen ist billiger als Kino, und man hat länger etwas davon", wirbt Geschäftsmann Michael Stelzer für sein Hobby. Seit 18 Jahren trotzt er mit seinem Geschäft den rauen Winden des Berliner Wirtschaftslebens.

Das Innenleben seines Konkurrenten "Luftikus" an der Kreuzberger Monumentenstraße 32a erinnern eher an ein Lager von Modedesignern. An der Wand hängen unzählige Rollen mit Spinnacker-Nylon in allen Farben des Regenbogens, der Meter für 14 Mark. Für den Drachen Marke Eigenbau kann man auch Tyvek-Stoff verwenden, das ist dieses weiße, papierne Zeug, aus dem früher diese schicken Ballonjacken geschneidert wurden. Ein wenig Uhu reicht, und schon nimmt der künstliche Vogel Gestalt an. Aber nicht ohne ein Gestänge aus Kohlefaser, Glasfaser oder Raminholz. Fehlt nur noch die Schnur. "Länger als 100 Meter darf sie aber nicht sein, und dichter als drei Kilometer darf niemand an einen Flughafen ran", sagt Drachenverkäufer Rainer Timm.

Es soll ja in Berlin nicht das passieren, was kürzlich auf der Hawaii-Insel Maui den Flugverkehr behinderte: Ein Kite-Surfer an einem riesigen Drachenschirm wurde in die Luft gerissen und kam einer Flugzeugturbine gefährlich nahe. Eine andere Drachen-Surferin wurde kürzlich an der Nordsee von ihrem Schirm hochgezogen und gegen den achten Stock eines Hauses geschmettert - und auch in Berlins Nordosten geschah am letzten Tag im Oktober ein Unglück: Ein Mann wurde von seinem sieben Quadratmeter großen Drachenschirm in die Luft gezogen. Er ließ geistesgegenwärtig los, stürzte aber Meter tief auf die Erde und wurde schwer verletzt. "So verantwortungslos kann ja keiner sein, an einem so stürmischen Tag einen so großen Drachen steigen zu lassen", sagt Drachenprofi Timm.

Er rät Eltern, nicht gleich mit einem meterbreiten Plastikvogel zu beginnen. "Fürs Drachensteigen einen freien Platz suchen. Am besten ohne Bäume, die verwirbeln die Luft und fressen gerne Schnüre." Auch von elektrischen Leitungen sollte man einen Sicherheitsabstand wahren. Vor allem aber "aufpassen, das man mit seinem Drachen keinen anderen auf der Wiese trifft".

Das braucht man Joseph nicht mehr zu erzählen. Der Mann ist über vierzig, aber wenn er von seinem Hobby erzählt, leuchten die Augen wie die eines Kindes vorm Weihnachtsbaum. Auch der Steglitzer steuert Lenkdrachen, aber bitte gleich mit vier Schnüren. "Das ist die Königsklasse", strahlt der drahtige Typ und faltet seine länglichen Lieblinge auseinander. Die Stoffbahnen sehen gar nicht wie Drachen aus, aber beherrschen doch Tricks wie "Axle Kaskaden", Rollen um die eigene Achse. "Manche Leute sagen, das Ding macht Lärm. Aber für mich ist das Pfeifen ein satter Sound im Ohr."

Lenkdrachen-Piloten? "Ich sage immer, das sind einsame Leute", sagt Rainer Timm. Sie stehen auf der Stelle, starren in die Luft, steuern ihre Flugmaschine konzentriert. Lenkdrachen-Besitzer sind die Formel-Eins-Piloten unter den Drachenfliegern. Standdrachen-Fans dagegen eher Genussmenschen wie jene hinterm Steuer eines Oldtimers. Dirk Miethe, 38, lässt seinen Standdrachen-Kasten gern mit den Kindern auf dem Teufelsberg steigen. "So einen Standdrachen kriegt man auch bei wenig Wind hoch. Lenkdrachen machen doch nur an der Ostsee so richtig Spaß."

Die Drachen, die Rainer Timm zum Leben erweckt, sind fast zu schade für die Berliner Luft. Richtige Kunstwerke: Japan-Papiere, Patchwork-Segel, Miró-Modelle. Daimler hat bereits welche für den Showroom bestellt, Sony auch schon Interesse bekundet (Infos: www.rixdorfer-drachen.de ).

Manch einer lässt dieser Tage aber auch, so gar nicht abgehoben, Rotkreuz-Säcke an der Leine abheben.

Drachen-Tipps

In Berlin können Drachenbändiger vielerorts Spaß haben. Am Teufelsberg stehen die Winde günstig - aber auch viele Leute in der Gegend herum. Schnur-Salat ist oft die Folge. Mehr Freiraum finden Drachenfans etwa am Diedersdorfer Weg im Freizeitpark Marienfelde. Beliebt ist auch das Feld auf der B 101 Richtung Großbeeren kurz hinter der Stadtgrenze. Mehr Tipps haben die Schöneberger Läden "Luftikus" (Tel.: 788 30 87) und "Vom Winde verweht" (78 70 36 36).

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