Berlin : Leo Schmidt (Geb. 1916)

Lieber der Zeit immer einen Schritt voraus

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Wir hätten auch ein Garagentor zum Fliegen gebracht“, sagte Leo Schmidt einmal, „nur braucht man dazu weit mehr Energie als bei einem Flugzeugflügel.“ Fliegen hatte der in Moskau geborene und in Estland aufgewachsene Bremer Kaufmannssohn während seines Studiums bei den Akademischen Segelfliegern in Berlin gelernt.

Nach dem Krieg suchte der junge Elektrotechnikingenieur zunächst festen Boden unter den Füßen. Gute Kontakte zu den Russen und sein Moskauer Dialekt halfen ihm beim Handel mit amerikanischem Penicillin. Als das Gleichgewicht in der medizinischen Versorgung hergestellt schien, gründete er eine Firma für Mess- und Regeltechnik. Die Ideen sprudelten nur so hervor, und die Liste der Erfindungen wurde lang und länger.

In der Buchhaltung arbeitete Margot, sie war verheiratet und Mutter eines Sohnes. Auch Leo hatte sich kurz vor dem Krieg verheiratet. Beide ließen sich scheiden und gaben einander bald darauf in Prien mit Blick auf den Chiemsee und aufs Alpenpanorama das Ja-Wort.

Mit Druck-Transmittersensoren für Flugzeuge hatte er angefangen. Es folgten Strichcodeleser für Medikamentenverpackungen, Kalibrierungen für Kreiselkompasse, Kontrollgeräte für moderne Triebwerke und Seilschwingungsrekorder für Stromtrassen. Von Patenten hielt er nicht viel, die würden andere durch Nachbau und Kopie umgehen. Lieber der Zeit immer einen Schritt voraus sein, lautete sein Credo. Seine Kundschaft reichte von internationalen Luftfahrtgesellschaften über die deutsche Lebensmittelindustrie bis zu chinesischen Stromerzeugern. Weil er der politischen Situation im geteilten Berlin misstraute, gründete er eine zweite Firma in Hamburg. In den besten Jahren beschäftigte er über 100 Mitarbeiter. Den Gewinn steckte er in die Firmen, fürs Privatvergnügen brauchte er nicht viel.

Das Familiendomizil, ein Haus in Zehlendorf, das er seinem Onkel abgekauft hatte, als der nach Westdeutschland zog, hatte einen großen Garten und einen Luftschutzkeller, der bis in die sechziger Jahre als Kühlschrank diente. Wilder Wein rankte an der Südseite empor, jedes Jahr warfen die Obstbäume viele Früchte ab.

Nachdem er seine Firmen in den späten neunziger Jahren erfolgreich verkauft hatte, konnte Leo Schmidt viel Freude an der Betrachtung eines reifen roten Apfels finden – was ihn nicht daran hinderte, die großen Probleme zu überdenken. Dass es bei uns Trinkwasser im Überfluss gibt, während anderswo die Menschen verdursten, etwa: Man müsste Solarenergie und Brunnentechnik zusammenbringen. Und warum können Öltanker auf ihren Rückfahrten in die Ölstaaten bei minimaler Umrüstung nicht Frischwasser aufnehmen?

Er und Margot feierten Goldene Hochzeit, die drei Kinder waren lange aus dem Haus. Mit 95 ließ er sich noch mal von einem akademischen Jungflieger in die Lüfte mitnehmen. Seine blauen Augen unter den geschwungenen Augenbrauen und dem schlohweißen Haar leuchteten nach der Landung wie die Kornblumen, die er am Rand der Landepiste pflückte.

Nach Margots Tod 2009 spürte er, dass seine Kräfte schwanden. Er sagte, er habe genug gesehen von der Welt und den Wundern der Natur – und beschloss, nichts mehr zu essen und zu trinken. Seine Tochter stellte ihm Essen und Trinken neben das Bett, befeuchtete seinen Mund, und er schlief ein. Stephan Reisner

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