Berlin : Leonard Lucas Igel (Geb. 2001)

Er strampelte im Bauch, als wollte er sagen: Jetzt erst recht!

Judka Strittmatter

Ein Kind stirbt, dafür sind wir schlecht gerüstet. Ein Tod, schon gleich am Lebensanfang, scheint mehr als ungerecht. Leonard, „Leo“, starb vor zwei Jahren, kurz vor Weihnachten 2005. Erst heute können die Eltern erzählen, wie es mit ihm war, noch immer sitzt der Schmerz haarscharf hinter den Lidern. Doch, auch ein Kleiner, gestorben mit vier Jahren, hatte ein Leben, auf das rückzublicken möglich ist. Schon weil seine Eltern ihn so sehr liebten, er ihr Erstgeborener war und seine Krankheit, ein Herzfehler von Geburt, dem Kleinen eine ganz besondere Aura gab, eine Art Weisheit, die Menschen haben, denen im Leben Schweres auf den Schultern liegt. Ein schwermütiges Kind deshalb? „Nein, nein,“ sagen die Eltern schnell, „wir dachten oft, er wird mal Komiker.“

Schon in der 24. Schwangerschaftswoche kam die Diagnose: HLHS, Hypoplastisches Linksherzsyndrom, zu deutsch: eine Herzkammer ist verkümmert. Noch heute purzeln Fachtermini auf den Küchentisch, man spürt sofort, hier waren zwei sehr engagiert, haben Recherchen angestellt und sich belesen. Auch das eine Facette der Liebe: die Krankheit zu verstehen. Nicht nur hin- und anzunehmen, zu erdulden, sondern auch nachzufragen. Damals, im sechsten Monat, hätten sich Vater und Mutter auch gegen Leonard entscheiden können, die Ärzte stellten es ihnen frei. Doch wie einen Abbruch wählen, fragt Leos Mutter, wenn da ein Wesen so forsch strampelt? Als wollte es sagen: Jetzt erst recht!

Dann kommt Leo und seine Eltern empfangen ihn gebührlich. Sie nehmen Musik mit zur Geburt, „Blade Runner“ – der auf der Klinge läuft. Leo wird schnell operiert, nicht zum letzten Mal. Norwood-OP, sagen die Eltern. Ein Riesenfortschritt, dieser Eingriff, früher überlebte keines der Kinder mit der Krankheit. Heute gibt es nach dem Eingriff eine Lebenschance. Apparatemedizin, Krankenhaus, Operationen, das wird nun ein Teil von Leos jungem Leben sein. Aber lange nicht nur das. Von Fotos lacht ein rotbackiges, blondes Kind, das sogar mit dem Vater kicken geht, in dessen Architekten-Bolztruppe im Tiergarten. Eine Schwerhörigkeit, von der nicht rauszukriegen ist, woher sie kommt, macht flüssiges Sprechen zwar für Leo schwer, doch wenn er redet, hat das Kraft. Wie einmal, zu Besuch beim Arzt in Brandenburg. Leo entert dessen Arbeitszimmer, in dem sich Bücher und Papier türmen. Leo schaut, erfasst die Lage und lässt nur ein Wort fallen: „Aufräumen“.

Das Leben ist zum Glück so: Die Angst verschwindet streckenweise ganz. Leo geht in den Kindergarten, den die Eltern mitgegründet haben, er hat Freunde, er hat Spaß. Bücher sind ihm heilig, er behandelt sie wie rohe Eier, er isst gern Nudeln mit „Tata“ – Ketchup – und ist ein Küsser und ein Schmuser, vor allem, wenn seine Lieblingscousine zu Besuch kommt. Seine Schleich-Tiere liebt er heiß und innig, Puppe Lotte ist sein Ein und Alles.

Als Leo fast drei Jahre alt ist, kommt Bruder Paul. Erst blitzt ein Fünkchen Eifersucht bei Leo auf, doch schnell ist Paul ins Herz geschlossen. Viel Zeit werden die beiden nicht miteinander haben. Im Herbst 2005 – erst aus dem Nichts ein Schlaganfall und eine leichte Lähmung, doch fünf Tage später rollt Leo mit dem Bobbycar schon wieder über die Station im Virchow-Klinikum. Gerade noch im Schockzustand, flutet das Glück die Herzen seiner Eltern. Nur, um sie alsbald wieder zu verlassen: In der Rehaklinik Brandenburg wiederholt sich, was lange im Verborgenen blieb. Leos krankes Herz, ergibt die Obduktion nach seinem Tode, hatte bereits viele Winzig-Infarkte hinter sich, bevor am 15. Dezember 2005 der Todbringende kam. In dieser letzten Nacht bleiben die Eltern bei ihm, sie nehmen Abschied von ihrem Großen.

Was macht man mit der Trauer? „Wir sind doch so stolz auf ihn“. Judka Strittmatter

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