Berlin : Leopold Gerechter (Geb. 1921)

„Ich will nichts mehr von den Deutschen, ich will meinen Frieden haben“

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Ein beliebter Stadtteil, das Bayerische Viertel im Berliner Bezirk Schöneberg. Im Jahr 1933 lebten dort 16 261 Juden. Alle wurden vertrieben, viele ermordet, etliche töteten sich selbst, um der Deportation zu entgehen. Die deutschen Nachbarn waren Zeugen der Vertreibung, nicht wenige haben davon profitiert, keiner kann sagen, er hätte es nicht gewusst. Die Ausstellung im Rathaus Schöneberg „Wir waren Nachbarn“ erinnert an die Menschen, die Nachbarn waren, bis sie zu „Volksfeinden“ erklärt wurden. In 142 biografischen Alben sind Fotos, Dokumente, Erinnerungen und Briefe berühmter Berliner wie Albert Einstein, Billy Wilder und Kurt Tucholsky versammelt und auch Zeugnisse von Menschen, die in ihrem alten Viertel schon fast vergessen waren. Einer von ihnen: war Leopold Gerechter, geboren in Berlin, gestorben in Massachusetts, USA.

Der Vater, Hugo Gerechter, war Kaufmann und Besitzer einer kleinen Kleiderfabrik am Hausvogteiplatz. Fünf Frauen sorgten sich um Leo, die drei Schwestern Diethild, Lisbett und Paula, die Großmutter Helene und seine Mutter Martha.

Leo Gerechter erinnerte sich an ein Ehepaar, das in demselben Haus lebte und mit seinen Eltern eng befreundet war. Sie seien gemeinsam verreist, hätten sich oft eingeladen und die Sonntage zusammen verbracht. Dieses Ehepaar hieß Bach und hatte keine Kinder. Im April 1933 brachen Herr und Frau Bach abrupt den Kontakt zu seinen Eltern ab. Leo war in dieser Zeit viel mit dem Sohn des Hauswartes zusammen. Als Leo aus der Münchener Straße in die Freisinger Straße umzog, endete die Freundschaft der beiden Jungen. Leo wusste nicht mehr, ob sie sich nur aus den Augen verloren oder der Grund war, dass er nicht mehr als Freund von Heinz betrachtet wurde, weil er Jude war. Seine Mutter sang ihm damals oft dieses Lied vor: „Es war in Schöneberg, im Monat Mai, ein schönes Mädchen war auch dabei …“

Der Vater starb im Mai 1933, die politischen und wirtschaftlichen Wirren waren ihm zu sehr zu Herzen gegangen. Manchmal, bei schlechtem Wetter, ging Leo Gerechter mit einem Freund in das Rathaus Schöneberg, um dort mit dem Paternoster zu fahren und nicht auszusteigen, wenn der Fahrstuhl die letzte Etage erreicht hatte.

Mit der Familie fuhr er gern an den Wannsee, aber bald schon fehlte das Geld für den Eintritt ins Strandbad. Im Jahr 1938 wurde der Zutritt für Juden verboten. Im selben Jahr wurde das Gesetz erlassen, dass nur „ehrbare Volksgenossen deutschen oder artverwandten Blutes“ Kleingärtner werden konnten. Juden mussten ihr Vermögen anmelden, Straßen und Plätze mit jüdischen Namen wurden umbenannt, Reisepässe mit einem „J“ gekennzeichnet, jüdische Kinder von öffentlichen Schulen ausgeschlossen.

Ende Oktober 1939 entkam Leopold dank eines entfernten Verwandten in die USA. Seine Schwester Lisbett arbeitete im Jüdischen Krankenhaus als Röntgenassistentin. Sie folgte ihrem Mann, der ausgewiesen worden war, nach Polen. Dort kam sie um.

Leos Schwester Diethild fand Arbeit im Palästina-Amt und rettete vielen ihrer Mitbürger das Leben. Sie hätte aus Deutschland entkommen, können, wollte aber Mutter und Großmutter nicht allein zurücklassen. Der Briefkontakt zu seiner Familie brach 1941 ab. In diesem Jahr begannen die Massendeportationen der Berliner Juden. Martha und ihre Mutter Helene wurden mit dem dritten großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Diethild wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet und 1942 nach Riga deportiert, wo sie noch im selben Jahr umgebracht wurde.

Paula wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt. Im Gedenkbuch von Auschwitz erscheint ihr Name nicht. Nur die Deportierten, die nach der Ankunft eine Nummer erhielten, sind namentlich registriert, die anderen wurden innerhalb weniger Stunden in den Gaskammern getötet.

Leo Gerechter kehrte noch vor Kriegsende zurück, in Uniform. Am 6. Juni 1944 landete er mit den amerikanischen Truppen in der Normandie. Seine Aufgabe war es, Nazi-Kollaborateure zu finden und zu verhaften. Über das Schicksal seiner eigenen Familie war er immer noch im Unklaren. Es gab kein Lebenszeichen. Während seiner Stationierung in Bayern kam Leo Gerechter an einem Tag nach Theresienstadt. Dort erfuhr er, dass sein Onkel Georg Gerechter zwei Tage vorher das Konzentrationslager als einzig Überlebender der Familie verlassen hatte. Einer seiner Kameraden, der einige Tage in Berlin war und das ehemalige Wohnhaus der Familie aufsuchte, brachte ihm eine Kiste mit Sachen seiner Mutter, Bettwäsche, Handtücher. Die hatte der Hauseigentümer aufbewahrt, „falls die Juden eventuell zurückkehrten“. Leo gab die Kiste weg, er konnte den Anblick nicht ertragen.

Er ging zurück nach Amerika. Er heiratete, arbeitete tagsüber als Einkäufer in der Bekleidungsindustrie, lehrte abends an einer Fotografenschule.

Anfang der achtziger Jahre besuchte er mit seiner Frau Berlin. Die Straßen und Plätze erkannte er kaum wieder. Bei der Begegnung mit älteren Menschen sei ihm ständig die Frage durch den Kopf gegangen, was diese 40 Jahre zuvor gemacht haben könnten. Er besuchte das Grab seines Vaters. Er stand vor dem Haus in der Freisinger Straße, aus dem seine Familie abgeholt worden war. Er traute sich nicht zu läuten. Er ging in den Zoo, in dem er so oft als Kind gewesen war, aber auch das machte ihm keine Freude.

Mit seinen Kindern hat Leopold Gerechter niemals Deutsch gesprochen. Wie es zur Wiederbegegnung mit der alten Heimat kam? „Durch die Ausstellung ,Jüdisches Leben im bayerischen Viertel’“, berichtet Amelie Döge, „war mir bekannt, dass auf unserer Etage des Altbauhauses eine Familie Gerechter gelebt hatte, die auch deportiert wurde. Die Akten dieser Familie sah ich ein und begriff, dass diese Familie in genau der Wohnung lebte, in der ich jetzt mit meiner Familie lebte. Aus der Vermögenserklärung der Mutter Martha Gerechter ging hervor, dass der Sohn der Familie entkommen konnte.“

Amelie Döge nahm die Spur auf. Im Mai 2007 bekam sie eine E-Mail von Leo Gerechter. Er wusste kaum mehr, als dass alle seine Familienmitglieder ermordet worden waren. Aber er erklärte sich bereit an dem Album für die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ mitzuarbeiten. Er sagte, nur so könne er damit abschließen. Er sagte auch, es sei eine Art Heilungsprozess.

Die Familienfotos übersandte der älteste Sohn. Sein Vater ertrug den Anblick nicht, weil er sich noch immer Vorwürfe machte, dass er seiner Familie damals nicht hatte helfen können.

„Weißt du, ich will nichts mehr von den Deutschen, ich will kein Geld, keine Entschädigung oder irgendetwas, ich will meinen Frieden haben. Niemand auf dieser Welt kann mir meine ermordete Familie zurückgeben.“

Amelie Döge erzählt: „Als ich einmal allein bei Leo war, fragte er mich, ob ich die Briefe, die er habe, aber nicht mehr anrühre, lesen wollte. Ich hab’ Nein gesagt, obwohl ich wusste, dass seine Kinder sie nicht lesen können, sie sprechen kein Deutsch. Es war die Art, wie Leo mich fragte. Ich sah, dass Leo es nicht verkraften würde, diese Briefe zu sehen. So werden die Briefe seiner ermordeten Familienmitglieder, in denen sie um Hilfe baten, in einem Karton auf dem kleinen Hängeboden in Leos Wohnung liegen bleiben, bis sein Sohn und seine Tochter sie eines Tages übersetzen lassen.“

Was noch blieb?

„Der Name Leopold Gerechter“, schreibt Ilse Grant, „steht in meinem alten ,Grimms Märchenbuch’, das mir vor ungefähr 70 Jahren geschenkt wurde, auf der ersten Seite. Mein Vater, Dr. Berthold Alexander, hatte eine radiologische Praxis in der Friedrichstraße 140. Ich erinnere mich an eine junge Frau, die für meinen Vater als Krankenschwester arbeitete. Diese nette junge Frau hieß Lisbeth Gerechter. Manchmal, wenn ich krank war und im Bett bleiben musste, ist sie zu mir gekommen und hat versucht, mich aufzumuntern. Fräulein Gerechter schenkte mir das Buch, als sie mich einmal zu einem Besuch einlud. Sie hat mir auch ein kleines Foto von sich gegeben. Leider ist sie und ihre Familie in Polen umgekommen. Leo Gerechter ist der einzige Überlebende. Er ging nach Amerika. Ich habe ihm eine E-Mail geschrieben, und er hat mir geantwortet, denn Lisbeth Gerechter war seine Schwester. Leo Gerechter ist glücklich, dass ich noch das kleine Bild und das Buch habe und war außer sich vor Glück, als ich ihm das Bild vorab per E-Mail gesendet habe. Inzwischen habe ich ihm das Buch und das Foto geschickt. Ich habe das Buch und das Bild aufbewahrt, seit ich ein Kind von etwa zehn Jahren war.“ Gregor Eisenhauer

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